Berlin : Geschäft mit reichen Arabern wird für Kliniken zum Flop

Trügerische Hoffnung auf solvente Kundschaft: Im vergangenen Jahr ließen sich deutlich weniger Patienten vom Persischen Golf in Berlin behandeln

Ingo Bach

Sie gehören zu den begehrtesten Kunden der Berliner Krankenhäuser: Patienten aus den wohlhabenden Ölstaaten am Persischen Golf – besonders aus Saudi-Arabien, denn deren Behandlung bezahlen der saudische Staat oder Stiftungen der Königsfamilie. Die Manager der Krankenhäuser in der Hauptstadt hoffen, damit ihre durch die Gesundheitsreform schrumpfenden Budgets aufbessern zu können. Sie schaffen nach Mekka ausgerichtete Gebetsräume, stellen sich Satellitenschüsseln für arabische Sender aufs Dach und weisen Kantinenköche an, Speisen ohne Schweinefleisch zuzubereiten.

Doch das Geschäft mit den reichen Patienten aus dem mittleren Osten ist für die Kliniken derzeit ein Flop. Die Zahl der Gesundheitstouristen aus dieser Region ist 2004 dramatisch zurückgegangen. Die Berliner Kliniken haben im abgelaufenen Jahr nur noch rund halb so viele Patienten aus Saudi-Arabien – der weitaus größten Gruppe aller nach Deutschland kommenden Kranken aus den Golfstaaten – behandeln können als ein Jahr zuvor. Im Rekordjahr 2003 kamen insgesamt rund 1000 Kranke aus dem Öl-Königreich nach Deutschland, 482 davon allein über die Stiftung eines saudischen Prinzen. Ein Fünftel dieser Patienten blieb in hauptstädtischen Kliniken – und ließ viel Geld zurück. Die Prinzen-Stiftung stellte 2003 mehr als 50 Millionen Euro für die Patientenbehandlung in Deutschland bereit. Dabei geht es nicht nur um die Honorare für die meist aufwändigen und komplizierten Behandlungen wie Transplantationen und Gehirnoperationen. Die Stiftung zahlt auch Taschengeld für die Patienten und deren mitreisende Angehörigen – mehrere tausend Dollar monatlich. Kliniken, Hotels und Luxusgeschäfte profitierten davon. Doch im Jahr 2004 ist dieses Budget auf nicht einmal mehr die Hälfte geschrumpft.

Was sind die Gründe? Dieser Frage ging jetzt Axel Ekkernkamp nach, Chef des Unfallkrankenhauses Berlin (UKB) in Marzahn. Ekkernkamp war einer von zwei Medizinern in der Delegation, die Bundeskanzler Gerhard Schröder auf seiner jetzt zu Ende gegangenen einwöchigen Tour durch die Golfstaaten begleitete. Die saudische Stiftung genehmige nicht mehr so viele Auslandsbehandlungen, obwohl es eine lange Warteliste von über 1500 Patienten gibt, erfuhr Ekkernkamp bei seinen Gesprächen in der Hauptstadt Riad. Es habe wohl einige deutsche Kliniken gegeben, die zum Teil zu viel Geld für die Behandlung verlangt hätten. Berliner Krankenhäuser seien aber nicht darunter. „Mit Berlin sind die Saudis offenbar sehr zufrieden", sagt Ekkernkamp. Deshalb hoffe er auch aufgrund seiner Gespräche, dass die Zahl der hier Behandelten wieder steigen werde. Andere sind da nicht so optimistisch: „Die Zahl der geförderten Patienten wird sich eher beim Wert von 2004 einpendeln“, sagt ein Insider.

Und die reichen Scheichs, die auf eigene Kosten nach Deutschland zur Therapie kommen? „Die gehen am liebsten in Krankenhäuser in englischsprachigen Ländern“, sagt UKB-Chef Ekkernkamp. Derzeit kommen etwa 100 solcher Privatzahler nach Deutschland, die meisten davon zieht es nach München.

Nützlicher als Patienten nach Berlin zu holen, sei ohnehin der Export von deutschem Know-how, ist Ekkernkamp überzeugt. Ebenso wie Jörg Scholz, Chefarzt der Orthopädie am Helios-Klinikum Emil von Behring in Zehlendorf, der zweite Mediziner in der Kanzler-Delegation. Beide wollen deshalb Ärzte aus Saudi-Arabien zur Fortbildung nach Berlin holen. Im April und Mai werden je zwei Gastärzte aus einer saudischen Privatklinik und einem staatlichen Krankenhaus hierher kommen, um zu hospitieren. Langfristig sollen das wesentlich mehr werden – mit einem messbaren wirtschaftlichen Effekt – zum Beispiel für die deutschen Hersteller von Medizintechnik. „Die Erfahrungen zeigen: Arabische Mediziner, die sich in den USA weiterbildeten, ließen danach dort auch Medizingeräte für ihre Kliniken am Golf einkaufen.“

Der Orthopäde Scholz will ebenfalls vor allem junge Saudis zur Weiterbildung nach Berlin holen. Ab dem Sommersemester 2005 sollen an der Technischen Universität, wo Scholz lehrt, die ersten Studenten der Medizintechnologie aus den Golfstaaten anfangen. „So etwas schafft intensivere Beziehungen Berlins zu den Golfstaaten als Scheichs, die hier behandelt werden“, sagt Scholz.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar