Geschäftsgründung : Start-up mit Wachstumsbeschleuniger

Drei junge Leute erfinden ein Info-Portal fürs Handy. In Berlin finden sie alles, was die Idee zum Erfolg führt.

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Die Warenwelt in der Hand. Benjamin Thym (l.) mit seinem Scanner-Handy.Foto: Mike Wolff
Die Warenwelt in der Hand. Benjamin Thym (l.) mit seinem Scanner-Handy.Foto: Mike Wolff

Am Anfang standen eine Idee und drei hohe Einsätze: Tobias Bräuer, Martin Scheerer und Benjamin Thym kündigten ihre sicheren Jobs bei der europäischen Raumfahrtagentur Esa, an der Uni Freiburg und bei einer Unternehmensberatung, um sich ganz ihrer Idee zu widmen. Die war beim Gespräch über die verwirrend vielen Bio- und Ökosiegel sowie Werbeangebote für Produkte aller Art entstanden. Wie bringt man die Informationen dorthin, wo sie gebraucht werden, nämlich in den Laden, wo das Produkt im Regal steht? Ist das angeblich spannende Buch wirklich gut? Schmeckt die Dosensuppe eher nach Dose oder Suppe? Und ist dieser Drucker im Internet womöglich zum halben Preis zu bekommen?

Die Lösung sollte ein Programm für Fotohandys sein, mit dem sich anhand des Strichcodes auf der Verpackung die Informationen aus dem Internet aufs Handy holen lassen. Die drei Möchtegern-Gründer bewarben sich beim Businessplan-Wettbewerb der Investitionsbank Berlin (IBB) und wurden der Humboldt Innovation GmbH empfohlen, dem auf Ausgründungen spezialisierten Arm der Humboldt-Uni. „Die waren sofort Feuer und Flamme“, erzählt Benjamin Thym, „einen Tag später hatten wir einen Termin“. Die Humboldt-Firma beantragte für die drei EU-Fördergeld, stellte ihnen Räume zur Verfügung, machte ein paar überzeugende Porträtfotos und schickte sie auf Best-Practice-Tour nach Oxford und Cambridge. Und das, obwohl sie gar nicht an der Humboldt-Uni studiert hatten. „Ohne die würde es uns wohl nicht geben“, sagt Thym – und bestätigt damit ein immer wieder gehörtes Lob von Wirtschaftsleuten: Berlin sei bei Uni-Ausgründungen erstklassig, zumal auch andere Hochschulen wie die FU Jungunternehmer ähnlich professionell unterstützen.

Zweieinhalb Jahre nach dem Gründungsbeschluss sitzt Thym in der noch etwas kahlen, aber ausreichend geräumigen Altbauetage in Kreuzberg, in die die „Barcoo“ genannte Firma gerade gezogen ist. Das Programm („App“) wurde kürzlich zum millionsten Mal heruntergeladen, Thym sagt: „Wir sind ungefähr auf jedem zweiten iPhone installiert.“ Er ist jetzt 30, sucht gerade den zwölften Mitarbeiter, hat zwei Risikokapitalgeber an Bord und will nächstes Jahr schwarze Zahlen schreiben. Die App ist kostenlos; Geld verdient Barcoo, wenn beispielsweise zur gescannten Colaflasche die Werbung für ein Gewinnspiel erscheint oder ein – vielleicht beim Freund zu Hause – gescanntes Buch direkt bestellt wird, wofür der Händler Provision zahlt.

Die eigentlichen Infos aber kommen aus Vergleichsportalen, von Stiftung Warentest, Umweltorganisationen und Prüfinstituten. „Maximal zwei Jahre alt und seriös“ nennt Thym als Kriterien. Hinzu kommen die Nutzerkommentare. Mode und viele Lebensmittel seien kurzlebig, sagt Thym, ansonsten könne man zu über 80 Prozent der Produkte Infos liefern.

Bleibt die Frage, ob diese Erfolgsgeschichte eine berlinspezifische ist. Klar, sagt Thym und erklärt: „Berlin ist cool.“ Ja, und? Also: „Unsere Kooperationspartner sind entweder schon hier oder kommen gern vorbei.“ Fast an jedem Abend gebe es in der Stadt ein „Social Event“, wo man Kontakte knüpfen und Ideen weiterdenken könne. „Es würde uns wenig nützen, im schwäbischen Hinterland zwischen den dortigen Maschinenbauern zu sitzen“, sagt der Schwabe Thym. Er plant übrigens gerade, sich an der Uni mit einem Kurs zu revanchieren. Thema: erfolgreiche Start-up-Gründung.

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