Berlin : Gescheitert schon seit 25 Jahren

Bereits 1980 galt die Hauptschule als „Restschule“. Durchgreifende Änderungen blieben dennoch aus

Susanne Vieth-Entus

Die Leidensgeschichte der Berliner Hauptschulen ist lang. Sie begann spätestens in den siebziger Jahren mit der Einführung der Gesamtschulen, die ein Großteil der leistungsstärkeren Schüler den Hauptschulen wegnahmen. Im März 1978 vermeldete der Tagesspiegel bereits, dass 40 Prozent der Hauptschüler in Tiergarten keinen Abschluss hatten. Kurz zuvor hatte die CDU einen 10-Punkte-Katalog vorgestellt, um „einer weiteren Abwertung der Hauptschulen entgegenzuwirken“.

Die „Abwertung“ ließ sich jedoch nicht aufhalten. Schon 1980 besuchten nur noch 15 Prozent eines Jahrgangs die Hauptschule. Bei einer damaligen Debatte im Abgeordnetenhaus war bereits von „Restschule“ die Rede. Die ersten Hauptschulen bestanden fast nur noch aus Ausländern. Der damalige Schulsenator Walter Rasch (FDP) meinte denn auch in Bezug auf die Hauptschulen, dass „das entscheidende Problem der Eingliederung ausländischer Jugendlicher in der Öffentlichkeit immer noch nicht in vollem Umfang erkannt worden ist.“

Bereits 1981 gab es in Berlin Regionen, in denen die Ausländer an Hauptschulen fast ganz unter sich waren. Die Lage spitzte sich derart zu, dass erstmals die Forderung laut wurde, Hauptschulen zu Ganztagsschulen zu machen.

Raschs Nachfolgerin Hanna-Renate Laurien (CDU) war dieser Idee zunächst aufgeschlossen. Dann aber entschied sie sich für eine andere Reform: Sie verkleinerte die Klassen von 25 auf 16 bis 18 Schüler. Dabei ist es bis heute geblieben.

Diese kostspielige Verbesserung war zwar unentbehrlich, veränderte aber nicht das Grundproblem der Hauptschulen – die mangelnde Schülermischung: Da nur die schwierigsten Grundschüler eines Jahrgangs in die Hauptschule wechseln mussten, kulminierten hier die Disziplin- und Motivationsdefizite.

Schon Anfang der 80er Jahre, so berichtet Hauptschulreferent Siegfried Arnz, sei eine WC-Schüssel aus dem Fenster und ihm vor die Füße geflogen, als er gerade die Moabiter Heinrich-von-Stephan-Hauptschule besuchen wollte. Obwohl es damals noch keine so hohe Arbeitslosigkeit gab wie heute, mahnte ein Pädagoge damals gegenüber dem Tagesspiegel, dass die Hauptschüler hinsichtlich ihrer Zukunftsperspektiven in einer besonders fatalen Situation seien, auf die sie „zunehmend fatalistisch reagierten“. In dieser Situation entstand die Idee, die Hauptschule zu „gabeln“: Ab der achten Klasse sollten die Kinder zwischen einem eher praktischen und einem theoriebetonten Hauptschulzweig wählen können. Dazu kam es aber nicht.

In den folgenden 20 Jahren blieb den Schulen deshalb nichts anderes übrig, als aus eigener Kraft das Beste aus der schwierigen Schülerschaft zu machen. Allen voran ging damals die besagte Heinrich-von-Stephan-Hauptschule, die von 1982 bis 1992 ein anspruchsvolles Reformprogramm absolvierte und dann aus eigener Kraft zu einer kombinierten Haupt- und Realschule wurde. Aber auch andere Hauptschulen hatten Erfolg. Berühmt wurde etwa die Kreuzberger Ferdinand-Freiligrath-Hauptschule, deren Leiterin Hildburg Kagerer Künstler und Handwerker ins Haus holte und den herkömmlichen Unterricht aufbrach, um die Schüler zu motivieren.

Inzwischen lebt die Idee wieder auf, die Hauptschulklassen zu „gabeln“: Im neuen Schulgesetz sind praxisorientierte Klassen als Alternative zum reinen Unterricht vorgesehen. Auch die Forderung, dass man diese schwierigen Schüler nicht mittags nach Hause schicken darf, sondern sie anschließend betreuen muss, kommt zurück auf die Tagesordnung.

Bis dahin war es ein langer Weg: Nie war der Senat dafür zu gewinnen, den Hauptschulen Sozialarbeiter zu gewähren. Dazu musste Bildungssenators Klaus Böger (SPD) jetzt andere Finanztöpfe anzapfen. Nur findige Schulleiter schafften es, mit Hilfe von Bezirks- oder ABM-Mitteln Personal zu holen, das ihnen oftmals wieder abgezogen wurde.

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