• Geschichte der Kurberliner in Bad Eilsen: Warum ein paar alte Berliner im Weserbergland ihr Glück fanden

Geschichte der Kurberliner in Bad Eilsen : Warum ein paar alte Berliner im Weserbergland ihr Glück fanden

Einst war Bad Eilsen die Moorbadewanne West-Berlins, der Kurort in Niedersachsen war Hauptanlaufpunkt für malade Frontstädter. Manche blieben ein paar Wochen, andere für immer. Der vollständige Text - jetzt online.

Lisa McMinn
Erste Generation. Noch in den 1990ern traf sich einmal in der Woche eine "Berliner Runde" in Bad Eilsen.
Erste Generation. Noch in den 1990ern traf sich einmal in der Woche eine "Berliner Runde" in Bad Eilsen.Foto: privat

Meine Suche beginnt im „Stramers“, der letzten Kneipe Bad Eilsens. Donnerstags ist im Stramers Schnitzeltag. Donnerstags ist auch Veggie-Tag in der angrenzenden Reha-Klinik. Das Stramers ist entsprechend gefragt. Die Gäste sitzen an hohen Bistrotischen, an der Kante lehnen Krücken. An den Wänden Fotos aus den 1920ern, als Künstler und Könige nach Bad Eilsen kamen. Also Schnitzel, dazu Bitburger und ein Hocker an der Bar.

Hinterm Tresen zapft Petra Stramer das Bier.

„Kommst auch aus der Klinik, was?“

Ihr Blick bleibt an mir haften, sie schiebt den Zapfhahn zurück und setzt das Glas ab. Petra Stramer, ein Lachen mit vielen Zähnen, im Ausschnitt ein silbriges Fake-Tattoo, kennt zwei Arten von Gästen: Gäste, die täglich da sind, und Kurgäste, die nur vier Wochen täglich da sind.

„Ich bin wegen der Berliner hier“, sage ich.

„Da gibt’s hier einige“, sagt die Wirtin.

Das hatte ich gehofft. Vier Wochen lang war meine Mutter in Bad Eilsen auf Kur, chronischer Muskelschmerz, Fangopackungen und Schwefelwasser sollten helfen. Gesund wurde sie nicht, brachte aber einen Mythos mit nach Hause.

Ob ich davon wisse, dass Bad Eilsen zu Teilungszeiten in gewisser Weise der westlichste Außenposten West-Berlins gewesen sei, fragte sie mich. Eine Stadtführerin habe es so erzählt: In den 70ern sei der Ort im Weserbergland, nahe Bückeburg, im Grenzland zwischen Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen, förmlich explodiert vor Besuchern aus Berlin. Überall auf den Straßen habe man die Mundart gehört, Kundige hätten sogar den Stadtteil erkannt. Die Bürgermeisterin der Gemeinde bestätigte mir die Geschichte auf Nachfrage: Sie habe damals häufig beim Einkaufen neben Menschen gestanden, die nach „Hackepeter“ und „Schrippen“ fragten. Der Grund für die Berliner Invasion sei ein Abkommen zwischen der Landesversicherungsanstalt Berlin und den Kurkliniken im Ort gewesen. Vier Wochen lang blieben die Berliner, bei Verlängerung auch mal sechs. Und manche gleich ein ganzes Leben.

„Und wo genau sind sie?“, frage ich Petra jetzt.

„Da musst du Kurti fragen, Kurti weiß alles“, sagt Petra, greift um meine Schultern und schiebt mich neben einen Mann mit wenig Hals und viel weißem Haar. Kurti gehört zu denen, die täglich kommen, und das schon sehr lange. „Die Berliner wohnen alle auf dem Hügel“, sagt er und hebt seine Biertulpe westwärts. „Am besten, du gehst einfach mal klingeln.“

Berliner Hügel. Hier baute Bad Eilsen in den 1970ern für seine Zugezogenen.
Berliner Hügel. Hier baute Bad Eilsen in den 1970ern für seine Zugezogenen.Foto: Lisa McMinn

„Berliner Hügel“, so nennen die Einwohner den Hang am Berg Harrl, auf den die Kurberliner zogen. Von dort lässt sich Bad Eilsen gut überschauen. Rund 2500 Menschen leben hier. Der Ort schmiegt sich zwischen zwei Höhen, den Bückeberg, mit 360 Metern kein richtiger Berg, aber immerhin dreimal so hoch wie der Teufelsberg im Grunewald, und den etwas flacheren Harrl. Die A2 kann man sehen, hören kann man sie an diesem Tag nicht. Buchen und Eichen ziehen sich ins Tal, darin sammeln sich Einfamilienhäuser, umgeben von geharkten Gärten. Im Hintergrund hat der Herbst die Höhen bunt betupft.

Der Hügel wurde in den 70er Jahren als Wohngebiet erschlossen, der Bedarf war groß. Schon vor Baubeginn im Jahr 1974 gab es zahlreiche Anmeldungen für die Zwei- bis Dreizimmerwohnungen. Knapp 80 Prozent der Erstbewohner waren Berliner, sagt die heutige Bürgermeisterin. Während ihrer Kur hatten sie den Ort kennengelernt, nun wollten sie West-Berlin, die Insel in der DDR, verlassen, in die Heimeligkeit ziehen, aufs Land. Das Wohngebiet besteht aus zwei Straßen, der ThomasMann-Straße, einer Ringstraße die in einer breiten Kurve den Hügel hinauf führt, und der Franz-Liszt-Straße, die den Ring durchkreuzt. Rechts und links säumen sie Wohnblöcke, ockergelb und lindgrün, winkelförmig auf gestutztem Rasen angeordnet. Drei Stockwerke sind sie hoch, obendrauf ein flaches Dach.

Ich klingle an der Nummer 29, ockergelb, sechs Parteien. Barbara Kraft öffnet die Tür, eine rundliche Frau mit grauen Locken. Unter ihrem rechten Arm klemmt ein Dackel. Der Hund, massiger Körper, kleiner Kopf, grummelt und windet sich, vergebens, Barbara Kraft hält fest, und bittet mich hinein.

Die Wohnung ist übersichtlich – zwei Zimmer, Küche, Bad, vor der Stube ein ausladender Balkon, in den Töpfen Heidekraut, und ein buntes Windrad. Hans und Barbara Kraft sind, wenn man so will, Berlinflüchtige der zweiten Generation. Zum Boom, 1979, zogen zunächst Barbara Krafts Eltern auf den Hügel. „Die haben die Berliner Luft nicht mehr vertragen“, sagt Hans Kraft, heute selbst Rentner, am Körper Feinstrick, an den Füßen Puschen. Damals lebte er mit seiner Frau in Kreuzberg, danach noch eine Zeit lang im Wedding, zuletzt arbeitete er als Hausmeister, in Buckow. Nach der Wende, im Jahr 1997, zogen die Krafts den Eltern hinterher, nach Bad Eilsen.

Glücklich gelandet. Die Krafts wollen nicht mehr weg.
Glücklich gelandet. Die Krafts wollen nicht mehr weg.Foto: Lisa McMinn

Bis dahin stiegen sie fast jedes Wochenende in den „Haru“-Bus. Haru, so hieß das Unternehmen, das die erholungsbedürftigen Berliner gen Westen brachte. Der Bus war voll, die Stimmung gut, erinnert sich Hans Kraft. Unter den Reifen wummerten die Betonplatten der Transitstrecke. Wenn sie Magdeburg hinter sich gelassen hatten, schallte aus den Boxen blechern „Major Tom“ von Peter Schilling. „Weißte noch?“, Hans Kraft nickt seiner Frau zu. „Völlig losgelöst, von der Erde“, singt Barbara Kraft und wippt – der Dackel wackelt mit. „Die Bockwürste waren auch ordentlich“, sagt Hans Kraft. Huch, Bockwurst an Bord? „Neben dem Fahrer, auf der Kunststoffarmatur dampfte der Kocher“, erinnert sich Kraft. Die hätten immer gut geschmeckt, und sowieso, auf den Bus war Verlass: „Der konnte ja nur 100 fahren, aber da wusste man, in vier Stunden ist man da.“

Für Erholung im eigenen Land war Niedersachsen von West-Berlin aus das nächstgelegene Ziel. Der Bäderbus klapperte jeden Sonntag die Kurorte ab. Bad Nenndorf, Bad Pyrmont, Bad Eilsen, hinter der Grenze zu Nordrhein-Westfalen lag noch Bad Oeynhausen. Damals brachte der Haru-Bus einmal die Woche eine Ladung West-Berliner in diese Orte, setzte sie vor den Kurkliniken ab und nahm die Genesenen wieder mit. Die Heilanstalten Bad Eilsens nahmen gemessen an der Gesamtzahl der Besucher besonders viele Berliner auf, rund die Hälfte der Kurgäste kam dort her.

1957 hatte die Landesversicherungsanstalt Berlin-Hannover einen Großteil der Kuranlagen in Bad Eilsen gekauft: den Park mit seinen Schwefelquellen, die Badehäuser mit ihren Schlammwannen, und mehrere Kliniken. Die damalige Berliner Landesversicherung – heute ist sie in der Deutschen Rentenversicherung aufgegangen – hatte feste Kapazitäten in den Kliniken gebucht. Deshalb schickten Berliner Ärzte ihre Patienten vorrangig nach Bad Eilsen. Seit 1969 sind die dortigen Heilquellen staatlich anerkannt, entsprechen also den erforderlichen Qualitätskriterien von Tourismus- und Heilbäderverband. Der Lohn dafür war im Jahr 1971 die Vorsilbe „Bad“. Kuriert werden bis heute vor allem rheumatische Erkrankungen, auch Orthopädie ist ein Behandlungsschwerpunkt. In den 80ern fuhr der Bäderbus mehrmals wöchentlich, nach der Wende zunächst gar täglich. Das Geschäft lief, auch in den Kneipen. Tanz- und Trinkkur nannte man das.

Das war der Grund, warum sie kamen, doch was ließ die Berliner bleiben? Ein tieferer Einblick in die Geschichte des ältesten Schlammbads in Deutschland soll mir helfen, es zu verstehen. Nachhilfe bekomme ich von Friedrich Winkelhake: Leiter des Heimatvereins, pensionierter Geschichtslehrer, Ur-Bad-Eilsener. Erster Halt ist die Harrlallee. Wir stehen am oberen Ende, von hier führt die Straße hinunter ins Dorf, sie endet am Stramers. Die Morgenluft trägt feine Tropfen, Winkelhake schüttelt sie von der Lederjacke und steckt die Hände in die Taschen. Also, Herr Winkelhake, was hat Bad Eilsen, was Berlin nicht hat? „Bad Eilsen war ein Weltbad!“, sagt der Historiker. Was folgt, ist Schwärmerei und Stolz, gepaart mit Sachkunde. Auf der anderen Seite des Berges, in Bückeburg, dort stehe das Schloss der Dynastie zu Schaumburg-Lippe. Vor etwas mehr als 200 Jahren habe Fürstin Juliane beschlossen, die Schwefelquellen ihres Vorgartens zu nutzen. Über die Harrlallee, auf der wir stehen, erreichten die Kutschen der Fürstenfamilie das Bad, rechts und links Pappeln wie Soldaten, damals müssen die Bäume schmächtig gewesen sein, heute tragen sie stolze Kronen.

Ortskundig. Friedrich Winkelhake weiß annähernd alles über Bad Eilsen.
Ortskundig. Friedrich Winkelhake weiß annähernd alles über Bad Eilsen.Foto: Lisa McMinn

Winkelhake bittet mich in seinen bronzefarbenen Renault, er hat es eilig, will eigentlich seine samstägliche Wanderung durch das Umland beginnen, also rollen wir schnell den Hang hinab und steigen am Kurpark aus. Der Rasen ist übersät mit gelbem Laub. Nur ein paar Bauernhöfe hatten hier gestanden, als Juliane zu bauen begann, erklärt der 81-Jährige. Sie ließ die Höfe versetzen, die dem ersten Badehaus wichen. Dann setzte der Tourismus ein.

1805 folgte das erste Gästehaus, die Landwirte wollten mitverdienen, auch sie richteten Fremdenzimmer ein. Über den Schwefelquellen wölbten sich nun Trinktempel, bis zu zwölf Gläser des Wassers sollte man täglich zu sich nehmen, so die damalige Empfehlung, lauwarm oder mit Ziegenmolke, gut für Lunge, Haut und Magen. Heute trinken das faulig riechende Wasser nur noch die Mutigen, in den Kliniken dient es als Badezusatz.

Unsere Schritte rascheln auf dem Weg zum nächsten Halt: dem Fürstenhof. Rundbögen im ersten Stock, darüber auf Säulen vier weitere Etagen mit hohen Fenstern und verzierten Balkonen. „Das war mal das eleganteste Hotel Europas“, sagt Friedrich Winkelhake. 1918, kurz bevor der Kaiser in Berlin abdankte, ließ der Fürst zu Schaumburg-Lippe das Haus für die feine Gesellschaft fertigstellen. Ein Relikt seines Adels, kurz bevor aus seiner Grafschaft ein Freistaat in der neuen Republik wurde. Vornehme Gäste kamen später trotzdem ins Hotel, Winkelhake zeigt auf eine Schautafel mit den Namen: Gerhart Hauptmann, Richard Tauber, sogar der König von Schweden soll mal zu Gast gewesen sein, als der Ort 1934 die Weltwirtschaftskonferenz ausrichten durfte. Bad Eilsen stand für Luxus: ein Freibad mit eigener Gymnastiklehrerin, ein Freilufttheater, eine Orchestermuschel und eine eigene Kleinbahn, das „Eilsner Minchen“, sechs Kilometer Schienen, die die Gäste vom Bahnhof in Bückeburg bequem durch einen Tunnel nach Bad Eilsen brachten.

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