Geschichte der Nachbarschaftsheime : Auf dem Weg zu neuen Zielen

Der Grundgedanke der Nachbarschaftsheime entstand zwischen 1884 und 1914 in der Settlement-Bewegung, deren Ausgangspunkt die Londoner „Toynbee Hall“ war.

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DIE IDEE
Menschen der höheren Klassen sollten in den Wohnquartieren der Armen wohnen, um ihnen als Nachbarn etwas abzugeben, das ihr Privileg war: Wissen, Bildung, Lebensart. Ende des 19. Jahrhunderts gab es hunderte von Settlements in zwölf Ländern. In Deutschland wurden sie in Hamburg, Karlsruhe, Worms, Leipzig und Berlin gegründet – darunter zum Beispiel das von Studenten eröffnete „Siedlungsheim“ in Charlottenburg, in dem auch Walter Benjamin verkehrte, oder das jüdische Volksheim im Scheunenviertel.

Die „Soziale Arbeitsgemeinschaft Berlin-Ost“ (SAG) kam 1913 hinzu. Sie organisierte zum Beispiel eine Kaffeeklappe, die sich an die „Schlafburschen“ richtete, also an schlecht bezahlte Arbeiter, die sich schichtweise mit anderen Nutzern ein Bett teilen mussten.

DIE ENTWICKLUNG
Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten brachen viele SAG-Außenstellen zusammen, 1940 wurde die Organisation verboten. Nach 1945 folgten Neugründungen auf Initiative der amerikanischen und englischen Militärregierungen als Bestandteil des „Reeducation-Programs“. In Nachbarschaftsheimen sollten vor allem durch Bildung und Diskussion soziale und gesellschaftliche Konflikte friedlich ausgetragen werden. Diese Vereine arbeiteten in Braunschweig, Bremen, Darmstadt, Köln, Frankfurt, Wuppertal und Berlin.

1951 wurde der Verband deutscher Nachbarschaftsheime gegründet, der sich seit 1971 Verband für sozial-kulturelle Arbeit nennt. In den 50er Jahren waren die sechs bis sieben Berliner Nachbarschaftsheime ein Ort zur gegenseitigen Hilfe. So gab es im Nachbarschaftsheim Schöneberg eine Näherei und eine Schusterwerkstatt.

In den 50er und 60er Jahren waren die sozialpädagogische Gruppenarbeit und kulturelle Aktivitäten die bestimmenden Elemente, doch Ende der 60er Jahre begann die Diskussion um andere Ziele. Das war nicht denkbar ohne die Studentenbewegung. Die sogenannte Gemeinwesenarbeit wurde modern. Sie versuchte, sich um Stadtraumgestaltung zu kümmern, forderte neue soziale Einrichtungen. In einigen Köpfen ging es um die Weltrevolution, mit der Besucher der Nachbarschaftsheime wenig anfangen konnten. Abstrakt politisches Agieren trat an die Stelle der konkreten Arbeit. Die Häuser leerten sich.

DIE PERSPEKTIVE
Anfang der 70er Jahre entstanden parallel dazu Stadtteil-, Kinder-, Schularbeitsläden. Man kooperierte miteinander. Die Selbsthilfebewegung wehte frischen Wind in die soziale Landschaft. In den 80er und 90er Jahren kümmerten sich Nachbarschaftsheime immer stärker um soziale Brennpunktgebiete, sie engagierten sich in der ambulanten Pflege und gründeten Hospizdienste. Die Grundüberlegung war: Professionalität und Bürgernähe schließen sich nicht aus. Einige Nachbarschaftsheime wurden Träger neuer Sozialstationen.

Nach der Wende wurden auch in den östlichen Bezirken Nachbarschaftsläden gegründet. Stadtteilarbeit „in der Platte“ entstand aus Maßnahmen in der Arbeitsförderung. Bis heute verlagerte sich auch die Jugendarbeit in Nachbarschaftsheime, die immer mehr in die Stadtteilpolitik einbezogen wurden. Die Nachbarschaftsheime verfolgen eine Strategie der Unabhängigkeit. Das Angebot wurde immer größer. Was allen gemein ist: Sie arbeiten generationenübergreifend, sind offen für Ideen und stärken ehrenamtliches Engagement.

In Berlin existieren zurzeit 38 Einrichtungen. Dazu zählen zum Beispiel die Kiezspinne in Lichtenberg, Kotti e.V. in Kreuzberg, das Bürgerhaus in Pankow, Albatros e.V. in Reinickendorf, der Moabiter Ratschlag e.V., die Nachbarschaftsheime Schöneberg und Neukölln oder der Mittelhof in Steglitz-Zehlendorf. Über das Infrastrukturförderprogramm Stadtteilzentren wurden 3,7 Millionen Euro für Selbsthilfekontaktstellen oder Behindertenprojekte zur Verfügung gestellt.

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