Geschichte : Diskussion um den Fall Kurras

Die CDU ließ über Kurras und die 68er diskutieren. Es hätte ein netter Abend werden können - doch es wurde auch scharf geschossen.

Uwe Soukup

Frank Henkel, Berliner CDU-Chef, und Uwe Lehmann-Brauns, Vizepräsident des Abgeordnetenhauses (CDU), hatten zu einem „öffentlichen Gespräch“ über „Die Enttarnung des Genossen Kurras“ in ihren Fraktionssaal eingeladen. Er hätte gerne gewusst, gab Henkel die Richtung vor, wie man damals reagiert hätte, wenn bekannt geworden wäre, dass ausgerechnet ein SED-Mitglied den Studenten Benno Ohnesorg „aus anderthalb Metern abgeknallt“ hat.

Peter Schneider, Autor und ehemaliger 68er-Aktivist, war sich sicher, dass eine frühzeitige Enttarnung Kurras’ Tausende davon abgehalten hätte, ihre besten Jahre in der DKP oder in der SEW zu vertrödeln. Die neuen Erkenntnisse über Kurras hätten nicht die Studentenbewegung diskreditiert, sondern die Polizei.

Jan Fleischhauer, Autor des Buches „Unter Linken: Von einem, der aus Versehen ein Konservativer wurde“ nannte den Tod Benno Ohnesorgs einen der Gründungsmythen der 68er. Schon deshalb sei Kurras heute für die Altlinken eine schwierige Figur. Nichts aus jener Zeit habe Bestand. Am Ende haben sich die Revolutionäre von einst in die Arme des Staates geflüchtet, und seine Generation müsse nun für deren Rente aufkommen und ihnen auch noch dankbar sein.

Der Politikwissenschaftler Tilman Fichter mahnte, nicht den Bürgerkrieg einer vergangenen Zeit wiederzubeleben, sondern gemeinsam über den autoritären Charakter Kurras’ nachzudenken, der auf beiden Seiten der gespaltenen Stadt sich mühelos habe einpassen können. Im Publikum entstand Unruhe. Der Mitarbeiter der Gedenkstätte Hohenschönhausen, Siegfried Reiprich, nannte die 68er „nützliche Idioten, verführte Idealisten und Linksfaschisten“, vor denen es ihm grusele. Die Springer-Redakteure damals hätten recht gehabt. Erstmals mahnte hier Uwe Lehmann-Brauns einen freundlichen und offenen Diskussionsstil an.

Ob es einen Auftrag der Stasi oder gar der SED gegeben hat, Ohnesorg zu erschießen, wurde nicht diskutiert, sondern im Grunde vorausgesetzt. Kurras ist nun ein Ost-, kein West-Berliner Problem mehr. Klaus Schroeder zeigte sich überzeugt, dass die Enttarnung des „Genossen Kurras“ im Jahr 1967 schlicht niemand geglaubt hätte.

Ein Zuhörer bewunderte die Disziplin und die Intuition der West-Berliner Bevölkerung. Die den kritischen Linken seinerzeit häufig entgegengehaltene Empfehlung „Geht doch rüber“ sei von „Weltniveau“ gewesen. Jemand raunte etwas von der geschickten Zusammenarbeit des Stasi-Todesschützen Kurras und des SED-West-Fotografen, der „Sekunden nach dem Schuss“ das propagandistische Foto des sterbenden Benno Ohnesorg gemacht habe. Ein weiterer Zuschauer nannte die anwesenden 68er „beleidigte Würstchen“.

Peter Schneider hielt diesem Diskutanten Rechthaberei und Rachegelüste vor, was den Politologen Klaus Schroeder vom FU-Forschungsverbund SED-Staat zu der Bemerkung provozierte, dass man daran erkennen könne, wo „Schneiders Saat“ hingefallen sei. Als Tilman Fichter dann noch die Bemerkung wagte, die Deutschen seien nun mal auch durch die Sowjetunion vom Faschismus befreit worden, geriet der Abend an den Rand des Tumults.

CDU-Landeschef Henkel zeigte sich dennoch zufrieden. Er halte solche Gespräche für hilfreich und notwendig, um offene Wunden zu schließen. Auch auf die Gefahr hin, dass dabei neue Verletzungen entstehen. Uwe Soukup

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