Geschichte eines Autozündlers : "Die Reichen sollten sich auch mal ärgern"

Als die Flammen aus dem Auto schlugen, war er bereits hunderte Meter entfernt. Ihn würde die Polizei nicht kriegen, sagte er sich. Und er behielt Recht. Ein anderer Brandstifter wurde gefasst vor einem Jahr. Seither werden kaum noch Autos angezündet. War’s das?

von
Flammender Appell? Wogegen? Wofür? Im August 2011 brennt in Kreuzberg ein Mittelklassewagen aus. Jede Nacht werden damals irgendwo in der Stadt Autos abgefackelt.
Flammender Appell? Wogegen? Wofür? Im August 2011 brennt in Kreuzberg ein Mittelklassewagen aus. Jede Nacht werden damals irgendwo...Foto: dpa

Das Bild des Unbekannten – unscharf und schräg von oben – geht sofort an alle Dienststellen. Der Druck auf den Berliner Senat, Justiz und Polizei ist zu dieser Zeit im vergangenen Sommer enorm. Es werden in Berlin fast jede Nacht zwei, drei, manchmal 15 Autos abgefackelt. Als in einer Augustnacht nicht in der Innenstadt, sondern am Stadtrand fünf Wagen brennen, sichern Polizisten die Überwachungsvideos aus dem einzigen U-Bahnhof der Gegend. Sie entdecken einen Mann, der kurz vor dem ersten Brand den Bahnhof verlässt und nach dem letzten Brand zurückkehrt. Beamte erkennen Tage später diesen Mann wohl zufällig auf der Straße: André H. wird observiert, sein Umfeld durchleuchtet, seine Handydaten ausgewertet. Die Indizien reichen nicht, aber er wird vorgeladen – und gesteht.

Zu sieben Jahren Haft wird H. verurteilt. Der heute 28 Jahre alte Lackierer hat mehr als hundert Autos in Brand gesetzt, nachts, allein mit ein paar Grillanzündern. Als er mit dem Feuerlegen beginnt, hat er Schulden, lebt mit seiner behinderten Schwester und seiner krebskranken Mutter in einer kleinen Wohnung und sucht einen Job. Er hat Wut auf diejenigen, denen es besser geht. Sieben Jahre für jemanden, der ohne Geständnis nicht verurteilt worden wäre, der zuvor nie strafrechtlich aufgefallen ist, der sich in seiner Kirche engagierte. Einige Justizbeamte haben Mitleid.

Rick erzeugt kein Mitleid. Er ist die Sorte cooler Junge, dem Mädchen auf dem Schulhof verstohlen hinterherschauen, der als Sitznachbar aber nicht infrage käme, weil sie befürchteten, er würde bei Klassenarbeiten ohne zu fragen abschreiben. Rick hat ein durchschnittliches Abitur gemacht, sehr gut war er in Kunst. Er könne sich nur schwer mit Dingen aufhalten, sagt er, die ihm keinen Spaß machen.

„Sieben Jahre könnte ich nicht durchstehen“, sagt Rick, der eigentlich anders heißt. Er hat blaue Augen, blonde Strähnen fallen in die Stirn. Seine Haut ist so glatt, dass er Werbung für Clearasil machen könnte. „Zum Glück war ich damals nicht mehr unterwegs“, sagt Rick, während er in einer Bar in Friedrichshain an einem Alster nippt. Es hört sich so an, als sei er erleichtert. Vor mehr als zwei Jahren, damals 21 und gerade ausgebildeter Grafiker, hat auch er Wagen angesteckt, nachts, allein. Sein Glück war vielleicht, einer früheren Generation von Autozündlern anzugehören.

Rick ist fasziniert, aber auch erschrocken, mit wie viel Akribie die Polizei bei der Jagd nach Brandstiftern vorging. Er fürchtet sich ein wenig, da er nun an seine nächtlichen Aktionen zurückdenkt. Damals habe er kaum Angst gehabt, erwischt zu werden. „Aber ich hätte auch nie gedacht, dass sie einen unauffälligen Menschen in einer Drei-Millionen-Stadt kriegen“, sagt er.

Rick kommt aus Weißensee. Seine Mutter, Laborantin, und sein Vater, Beamter, wissen nicht, was Rick eigentlich zu erzählen hat. Dem Treffen in der Friedrichshainer Bar hat er nur zugestimmt, weil „die Autos, die ich gemacht habe“, schon lange zurückliegen. Seine Freundin Marie sitzt neben ihm. Mit ihren kurzen Haaren und großen Augen sieht sie wie die junge Winona Ryder aus. Wenn Rick spricht, schaut er sie an, als wolle er ihren Segen.

45 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben