• Geschichte für Touristen: Berlin braucht mehr Gefühl Was sich in der Präsentation der Stadt-Historie verbessern muss

Berlin : Geschichte für Touristen: Berlin braucht mehr Gefühl Was sich in der Präsentation der Stadt-Historie verbessern muss

Matthias Oloew

Was tun mit der Anziehungskraft, die Berlins Geschichte auf Touristen ausübt? Wie berichtet, kommen immer mehr Besucher in die Stadt, weil sie hier an authentischen Orten die deutsche Historie nachempfinden können. Sie machen Schnappschüsse an dem nachgebauten Kontrollhäuschen vom Checkpoint Charlie und stürmen die Aussichtsplattform an der Bernauer Straße, um zu verstehen, wie die Berliner Mauer funktionierte. Die deutsche Geschichte in Berlin bietet noch viel Potenzial, aber auch ein Problem. Denn die historischen Stätten, insbesondere die des letzten Jahrhunderts, sind vor allem Hinterlassenschaften zweier Diktaturen und des Kalten Krieges – also nicht gerade schmeichelhafte oder erfreuliche Epochen.

Trotzdem sind sie für Hubertus Knabe, Leiter der Gedenkstätte Hohenschönhausen, auch aus touristischer Sicht ausgesprochen wichtig: „In keiner anderen deutschen Stadt gibt es so viele Orte, konzentriert auf so engem Raum.“ Er bemängelt, dass diese historischen Stätten bislang viel zu wenig in die Konzepte der Tourismuswerber eingebettet seien: „Das ehemalige Gefängnis Hohenschönhausen zum Beispiel ist, wenn überhaupt, nur der letzte Punkt im Besuchsprogramm der Touristen.“ Die Besucher hingegen werteten das anders. „Sie schreiben danach, wie beeindruckt sie waren und dass es interessanter war, als etwa der Rundgang am Potsdamer Platz.“

Mauer, Gefängnis, Teilung und Wiedervereinigung als touristisches Thema – in den Ohren von Stadtentwicklungssenator Peter Strieder (SPD) hört sich das so an, als solle aus touristischen Gründen die Grenze mit Kontrolltürmen wieder aufgebaut werden. „Das kann nicht im Sinne der Berliner sein“, sagt der Senator, „ein Mauer-Disneyland ist nicht akzeptabel.“ Hubertus Knabe steht der Idee, die aus dem Haus am Checkpoint Charlie kommt, einen Teil der Grenzanlagen wieder aufzubauen, hingegen positiv gegenüber: „Das könnte deutlicher machen, was die Mauer wirklich bedeutet hat.“ Das müsse jedoch sensibel geschehen. Puppen mit Uniformen aufzustellen oder als verletzte Maueropfer auf eine Trage zu legen, ist für ihn auch nicht denkbar.

Die Geschichte plastisch und erfahrbar zu machen, mit Gefühl zu vermitteln, das ist das Thema von Knabe. „Der gegenwärtige Purismus mancher Gedenkstätten ist nicht unbedingt das Richtige.“ Er nennt als Beispiel die Gedenkstätte Deutscher Widerstand in der Stauffenbergstraße. „Ich hatte bei einem Besuch gefragt, ob man nicht den Tisch, an dem Hitler beim Attentat stand, und die Aktentasche, in der Stauffenberg die Bombe transportierte, ausstellen könne. Das will man dort nicht, weil der Bendlerblock nicht der Ort des Attentats sei und Tisch und Tasche nur Nachbauten seien könnten.“ Wenn dies jedoch gekennzeichnet sei, so Knabe, sehe er darin kein Problem. Knabe: „Für mich ist Vorbild das Haus der Geschichte in Bonn, wo man ohne viel zu lesen, einfach beim Durchschlendern, viel Geschichte mitbekommt.“

In der Gedenkstätte Hohenschönhausen führen Ex-Häftlinge durch die Haftanstalt, die Vermittlung von Geschichte ist damit durch persönliche Erfahrungen, mit plastisch geschilderten Schicksalen verbunden. Mit Erfolg: Kamen 1994 noch 7000 Besucher nach Hohenschönhausen, werden es in diesem Jahr voraussichtlich 112000 sein.

Die Teilung Berlins und Deutschlands und ihre Bedeutung ist für Touristen, vor allem wenn sie von anderen Kontinenten stammen, nicht an einer Doppel-Steinreihe erkennbar, die im Straßenpflaster eingelassen ist und so den Verlauf der Mauer markiert. „Die Aufgabe des Senats kann aber nicht sein, entsprechende Stadtrundfahrten zu organisieren“, kommentiert Peter Strieder.

Der Senator glaubt, dass in der Zukunft Berlins mehr touristisches Potenzial stecke, als in der Vergangenheit. „Berlin kann neben seiner reichen Kultur auch bald zur Shopping-Stadt neben London und New York aufschließen.“ Und Berlin habe als besonderes Kennzeichen etwas, was keine andere Stadt biete, „Berlin ist 24 Stunden geöffnet“, sagt Peter Strieder.

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