Berlin : Geschichten, die das Leben schrieb

Einem Witwer kommen die Tränen, es wird ganz still. Ein 80-Jähriger bittet um Tipps fürs Flirten Die ehrenamtlichen Berater am Berliner Seniorentelefon bekommen eine ganze Menge zu hören

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Foto: Georg Moritz

Es klingelt. Eine Zehlendorferin bittet um Hilfe beim Sortieren von Akten zur Steuererklärung fürs Finanzamt. Ihr Mann ist plötzlich verstorben, nun sitzt sie hilflos vor einem Stapel von Rechnungen und Bankpapieren. Was tun? Ein Steuerberater verlangte schon mal gleich 240 Euro, das sei zu viel, geht es denn nicht auch günstiger, aber wo und wie?, fragt die Zehlendorfer Witwe. Die Frau am anderen Ende des Berliner Seniorentelefons vermittelt ihre Gesprächspartnerin an eine Institution mit dem schönen Namen „Kümmerkäfer“.

Dieser „Fall“ war ziemlich rasch geklärt – im Vergleich zu jenem 85 Minuten währenden Telefonat mit einem Mann, der kürzlich auch seine zweite Frau durch eine tückische Krankheit verloren hatte. Nun fragt der 80-Jährige am Telefon, welche Strategie bei der Suche einer neuen Partnerin die beste sei. Aus so einer Betroffenheitsgeschichte entwickeln sich manchmal sehr emotionale Monologe, mal traurig, mal temperamentvoll, „man kommt dabei vom Hundertsten ins Tausendste“, sagt Klaus Wendlandt, der Teamleiter vom Berliner Seniorentelefon. Der 73-Jährige mit den interessanten grauen Schläfen hält sich mit dem Tennisschläger sportlich fit, er ist groß und schlank, stattlich.

Wir treffen den ehemaligen Diplom-Außenhandelskaufmann in einem kleinen Büro im 3. Stock des Stadtteilzentrums am Teutoburger Platz in der Fehrbelliner Straße 92, Tür an Tür mit verschiedenen Selbsthifegruppen. Mehrere Telefone liegen bereit, gleich beginnt die Sprechzeit beim Seniorentelefon. Im „Sprechzimmer“ sitzt diesmal Ursula, eine Ärztin, die mit 68 Jahren in Rente ging und nun, wie alle anderen hier, ihre Lebenserfahrung einbringt. „Wir sind keine professionellen Krisenbewältiger“, sagt sie, „ich mach das, weil ich finde, dass jeder im Alter etwas von dem zurückgeben sollte, was er im Leben gelernt und erfahren hat“.

Hier treffen die Anrufer auf Ihresgleichen, erhalten Hilfe zur Selbsthilfe. Einige dieser Telefongeschichten haben sich die Mitglieder des Teams gemerkt und aufgeschrieben: Eine Frau berichtet von körperlichen Beschwerden, Behinderungen, von falscher ärztlicher Behandlung, von Geldsorgen. „Ich spüre ihre Angst am Telefon, ich kann ihr die Sorgen und Lasten nicht abnehmen. Lasse sie sprechen, 40 Minuten lang. Sie fühlt sich am Ende etwas erleichtert, weil ihr jemand zugehört hat“, sagt Gabriele, die Einzelhandelskauffrau a.D. Der nächste Anruf: Ein Mann, der seine Frau verlor. „Seine Stimme rührt mich an. Nichts verstellt mir den Weg zu ihm, kein Anblick, kein Geruch, keine Hemmung. Wir treffen uns beide anonym im Äther. Wir reden lange. Zuerst weint er, dann wird er ruhiger. Ich höre ein Stück Leben, begleite es für einen Moment. Vielleicht kann ich ihm die Tür öffnen zur Selbsthilfe in seiner Trauer.“ Dann eine Mutter, die nicht weiß, wie sie sich ihrem erwachsenen Sohn gegenüber verhalten soll, er will nicht mehr mit ihr sprechen. Wie kann man helfen? Mit Zuhören und mit Verständnis für ihre Gefühle, gewiss.

Manch einer möchte nur reden, reden, reden. Und sich am Ende verstanden fühlen.

Die meisten Anrufer sind dankbar, dass ihnen zugehört und ein Rat gegeben wird. Das Seniorentelefon gibt es seit 1993, nachdem Studenten der TU festgestellt hatten, dass Rentner keine „Ansprechstation“ für ihre Anliegen und Sorgen hatten. Heute wechseln sich 16 ehrenamtliche Mitarbeiter mit einem Durchschnittsalter von 65 Jahren aus ganz Berlin am Telefon ab. „Es ist uns ein Bedürfnis, bei Themen wie Trauer, Familienproblemen, Einsamkeit und Konflikten zu helfen, ohne zu urteilen“, sagt Klaus Wendlandt, „bei konkreten Fragen zu Wohnen, Rente, Pflege oder Versorgung vermitteln wir an die zuständigen Stellen, außerdem halten wir Informationen zu Freizeitangeboten und Beratungsstellen bereit.“ Diese Angebote liegen griffbereit in Heftern und Mappen, Klaus Wendlandt und seine Telefon-Crew müssen sich nur bedienen.

Neu ist, dass Gesprächskontakte vermittelt, also Netzwerke geknüpft werden. Und dass auch Brandenburger bei den Berlinern anrufen können. Die nicht konfessionsorientierte Einrichtung lebt von Spenden, „wir sind unter das Dach des Humanistischen Verbandes geschlüpft, er bezahlt Büro und Telefon“, sagt Klaus Wendlandt, aber für alle anderen Annehmlichkeiten – wie eine Jahreskarte der BVG – seien Sponsoren ebenso willkommen wie weitere Mitstreiter.

Die ältesten Telefon-Senioren sind Peter (80) und Angelika (76) aus Johannisthal, „ohne ehrenamtliche Tätigkeiten läuft in Berlin nicht viel“, sagt der Teamleiter. Seine Statistik besagt, dass vor Jahren noch bis zu 80 Prozent Sachfragen gestellt wurden. Jetzt möchte etwa nur noch die Hälfte der Anrufer amtliche Informationen haben, alle anderen suchen das Gespräch um menschliche, gesundheitliche, finanzielle oder mit dem Altern verbundene Probleme, es sind alles ganz persönliche Geschichten.

Gibt es Erfolgserlebnisse? „Wir sind froh, wenn es am Schluss heißt: Danke, Sie haben mir sehr geholfen!“.

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