Berlin : Geschichten im Schatten der Würstchenbude

Von Trinkern und Tagträumern: Im „Hauptstadtbuch“ zeigt sich Berlin unpoliert

Lars von Törne

Stehen zwei Berliner an der Würstchenbude. Sagt der eine: „Lass uns doch mal treffen und kein Bier trinken.“ Sagt der andere: „Für sowas hab’ ich überhaupt keine Zeit.“ Das ist der Berliner Alltag, wie Cartoonist OL ihn sieht. Und irgendwie kommen einem die Szenen, die er beschreibt, bekannt vor. Der Bierdialog findet sich einem liebevoll-spöttischen Berlin-Lesebuch, das die Stadt von ihren Rändern her betrachtet und zwei Dutzend anregende Beobachtungen meist jüngerer Autoren enthält.

„Hauptstadtbuch“ heißt der Band, der eine raue, bunte Mischung von Impressionen versammelt. Es sind flapsige Abrechnungen mit nervigen Neuberlinern dabei, lakonische Reportagen vom Alexanderplatz, befremdliche Begegnungen mit gescheiterten Existenzen sowie eine Tragikomödie über den Wohnungstausch mit einem Manisch-Depressiven. Die gut 20 Autoren und eine Handvoll Illustratoren pflegen den anderen Blick, das kleine, graue Buch wirkt wie das rotzige Gegenstück zu bunten Werbebroschüren und Merian-Heften, die den Glanz der Stadt preisen.

Im Vordergrund stehen die merkwürdigen, traurigen oder irritierenden Seiten Berlins. Es gibt literarische Kurzgeschichten, autobiographische Selbsterkundungen und nostalgische Erinnerungen an das Berlin der Vorwendezeit. Zu den subjektiven und politisch unkorrekten Glanzstücken gehört der im deutsch-türkischen Slang erzählte Text „Zu Deutsch“, in dem der Kreuzberger Autor Bayram Karamollaoglu mit Multikulti und Vereinigungsfolgen abrechnet. Textprobe: „Kollege in Türkiye, Kollege von Import-Export-Firma, hat er zu mir gesagt: ,Kreuzberg ist wie anatolisch Dorf, nur deutsche Staat zahle Kindergeld. Ich mache dich Kreuzberg!’ (...) Dann komme Ossis. Ich mein: Was suche hier? Wer Ossis hat reinlassen? Müsse jeder bleiben, wo er ist, sonst nur Problem. Jetzt kar nix Arbeit, nur Problem.“ Ähnlich subjektiv und gelegentlich provozierend sind auch die meisten anderen Beiträge. Sie stammen von Literaten, Journalisten, Herumtreibern und Alltagsphilosophen. Manche von denen sind bislang nur Eingeweihten bekannt, andere wie Tanja Dückers, Kolja Mensing oder der auch für den Tagesspiegel arbeitende Zeichner Oliver Grajewski haben sich auch jenseits der Independent-Szene bereits einen Namen gemacht. Der prominteste Mitarbeiter der Anthologie dürfte Sven Regener („Herr Lehmann“) sein, der neben seinem Namen einen Zwanzigzeiler beisteuerte, in dem er die Essgewohnheiten der Berliner würdigt: „Im Grunewald wird Schlitten gefahren / Und man labt sich an C-Wurst und Fritte / Atze will auch noch Majo dazu / Dann fällt er und ruft: Watten ditte?!“

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Besonders lesbar machen das Buch die ernsteren Stücke, etwa Kirsten Küppers’ Beobachtung eines älteren Trinkerpärchens im Park. Die Frau füttert Vögel, er beschimpft sie als blöde Kuh, nur hin und wieder deuten Gesten eine fast vergessene Innigkeit an. Vor vermeintlichen Banalitäten schrecken auch andere Autoren nicht zurück und verbinden Großstadt-Fundstücke zu Collagen, die teils ähnlich zufällig wirken wie die Illustrationen zwischen den Texten. Darin ähnelt das Buch Berlin: Nicht schön oder lieblich, aber eine Menge zu entdecken.

— Jörg Sundermeier und Werner Labisch (Hg.): Hauptstadtbuch. Verbrecher Verlag Berlin. 166 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 7,95 Euro.

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