Geschichten in und über Berlin : Die Hauptstadt erwartet märchenhafte Tage

Berlin ist voller Stoff für kleine und große Berliner Geschichtenliebhaber – nicht nur jetzt zum Beginn der 28. Märchentage.

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Hüttenromantik. Seit Kurzem ist die Märchenhütte im Monbijoupark wieder offen.
Hüttenromantik. Seit Kurzem ist die Märchenhütte im Monbijoupark wieder offen.Foto: Agnieszka Budek

In silbrigen Vollmondnächten, wenn Nebelschleier über den Wiesen schweben, soll er auch heute noch unterwegs sein. Dann hetzt der Wilde Jäger seine Hundemeute mit Giff-Gaff und Gejuche über die Charlottenburger Jungfernheide. Feldhasen, wie einst, bekommt er allerdings nicht mehr vor die Flinte, nur noch Parkkarnickel. Aber in der Fantasie lebt der ruhelose Jägersmann munter fort.

Seine Geschichte gehört zum Berliner Märchenschatz, sie wird bei Kerzenlicht weitererzählt, vor allem jetzt im Spätherbst, ein paar Wochen vor dem 1. Advent. Ja, die Märchen sind aus ihrem Sommerpause zurück. Theatertruppen spielen wieder Märchenstücke, Buchhandlungen legen Märchenbücher aus, und zwar nicht nur Schneewittchen & Co. von den Gebrüdern Grimm, sondern auch sagenhafte Geschichten aus Berlin oder der Mark. Und am Donnerstag beginnen die 28. Berliner Märchentage mit zahlreichen Lesungen und Erzähl-Aktionen.

Die Stadt als Märchen

Märchenhaftes Berlin. Das zeigt sich schon im Stadtbild. In Kreuzberg und Lichtenrade gibt es jeweils eine Grimmstraße, und exakt 44 Berliner Straßen und Wege sind nach Figuren aus den Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm benannt. Im Köpenicker Märchenviertel haben sieben Straßen so poetische Namen wie Zu den Sieben Raben, Sterntalerstraße oder Däumlingsweg. Neukölln hat einen Märchenbrunnen, Wilmersdorf den Gänselieselbrunnen, Pankow den Froschkönigbrunnen – aber das bekannteste Berliner Märchenwahrzeichen rauscht sommers an der Westspitze des Volksparks Friedrichshain.

Es ist der 1913 eröffnete neobarocke Märchenbrunnen, entworfen vom damaligen Stadtbaurat Ludwig Hoffmann, der ein großes Herz für Kinder hatte. Er holte drei Bildhauer aus Süddeutschland und ließ sie neun Grimmsche Figuren schaffen. Bis heute stehen Hans im Glück, Dornröschen oder der Gestiefelte Kater am Rand des Beckens vor den halbkreisförmigen Arkaden.

Fabelhafte Stadt. Im Volkspark Friedrichshain rauscht seit 104 Jahren der „Märchenbrunnen“.
Fabelhafte Stadt. Im Volkspark Friedrichshain rauscht seit 104 Jahren der „Märchenbrunnen“.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Klar, dass der Stadtbaurat damit auch den am Kreuzberger Matthäikirchhof beerdigten Gebrüdern Jacob und Wilhelm Grimm ein Denkmal setzte, denn sie waren ja zumindest halbe Berliner. Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. holte die beiden 1840 aus Kassel und Hanau nach Berlin und berief sie zur Akademie der Wissenschaften, wo sie ihre Sammlung von Volksmärchen komplettierten. Mehr als 50 Berliner und märkische Freunde halfen ihnen dabei, so die Schriftstellerinnen Annette von Droste-Hülshoff und Bettina von Arnim oder Schauspielerin Henriette Hendel-Schütz.

Ein Schneewittchen aus Berlin

Der Berliner Verlag Reimer veröffentliche ihre Sammlung erstmals vor 205 Jahren – und was oft vergessen wird: 24 ihrer Märchen stammen aus Berlin und Brandenburg. Sie spielen zwar nicht an bestimmten Orten, wurden aber in der Region weiter erzählt. Zum Beispiel „Der kluge Knecht“ oder „Der Gläserne Sarg“. Beinahe hätte es letztere Geschichte nicht in die Sammlung geschafft, sie erinnert zu sehr an Schneewittchen. Einziger Unterschied: keine Zwerge, sondern ein armer Schneider erlöst ein schlafendes Mädchen aus dem Sarg.

Und der Wilde Jäger aus dem heutigen Volkspark Jungfernheide? Die Spandauer Agnes? Oder Caroline, die sich beim Reisigsammeln in einen Wassermann am Teufelssee in den Müggelbergen unsterblich verliebte und verschwand? Sie gehören in die Reihe der jahrhundertealten, lokalen Berliner Märchen- und Sagenfiguren, deren Spuren ganz konkret kreuz und quer durch die Stadt führen.

Auch der ängstliche Kühne, der derbe Grunow und der sture Tübbecke gehören dazu – drei Fischer, die es im Jagdschloss am Grunewaldsee mit den Geistern zu tun bekamen. Oder die drei Jungs vom Turm der Marienkirche in Mitte. Sie wollten dort oben Krähennester ausnehmen, gerieten in Streit, einer stürzte hinab, doch oh Wunder: Der Wind fing sich im Mantel des Eierdiebes, so dass er sanft zu Boden schwebte.

In den vergangenen Jahrzehnten haben vor allem die Berliner Autoren Kurt Pomplun, Horst Behrend, Friedrich-Karl von Chasot, Niels Hermann und Klaus Kordon diese lokalbezogenen Märchen ausfindig gemacht und wiederbelebt. Besonders Klaus Kordon hielt sich nicht strikt an die Vorlagen, er hat kräftig dazu fabuliert, so wie Märchen seiner Meinung nach heute „neu gesponnen“ werden sollten.

In Kreuzberg erinnert eine Straße an die Gebrüder Grimm.
In Kreuzberg erinnert eine Straße an die Gebrüder Grimm.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Tage voller Geschichten

Hauptsache: ganz verzaubernd. Darum geht es auch bei den Berliner Märchentagen, die vom Deutschen Zentrum für Märchenkultur, kurz „Märchenland“ im Kurfürstenhaus im Nikolaiviertel organisiert werden. Motto in diesem Jahr: „Die Liebe ist eine Himmelsmacht – Märchen und Geschichten von Liebe und Hass“.

Hunderte Events für 4- bis 100-Jährige stehen auf dem Programm, die ganze Märchenwelt kommt an die Spree. Im Bröhan-Museum in Charlottenburg wird beispielsweise die japanische Fabel vom „Weißen Elefanten“ erzählt, auf dem Kreuzberger Restaurantschiff „Van Loon“ geht es um Mythen und Sagen verschiedenster Kulturen. Und im Berliner Abgeordnetenhaus dürfen die Politiker endlich mal ganz offiziell Märchen erzählen. Abgeordnete aller Fraktionen stellen ihre Lieblingsgeschichten vor und führen anschließend durchs Parlament.

Rund um den Glaspalast wächst ein Tannenwäldchen

Szenenwechsel. Ein kühler Herbsttag auf dem Gelände der einstigen Pfefferberg-Brauerei am Senefelder Platz in Prenzlauer Berg. Dort wurde für das Ensemble des Hexenkessel-Theaters 2016 ein Märchen wahr. Unterstützt von der benachbarten Schankhalle des gemeinnützigen VIA-Unternehmensverbundes, wo Menschen mit und ohne Handicap zusammen arbeiten, errichteten sie dort ihren „Glaspalast“ für Grimmsche Märcheninszenierungen.

Der „Palast“ sieht zwar eher aus wie ein viktorianisches Gewächshaus, aber bekanntlich schafft die Fantasie ja die schönsten Luftschlösser. Durch 500 Scheiben blickt das Publikum nach draußen. Drumherum wächst ein Tannenwäldchen, in dem sich Hänsel und Gretel verirren könnten. Regentropfen laufen über die Scheiben, Laub weht vorbei, die Gäste sind mittendrin, wenn am 14. November die erste Vorstellung der Saison mit „Der Fischer un sin Fru“ und „Hase und Igel“ beginnt.

„Das ist einfach toll“, schwärmt Theatergründer Roger Jahnke . Was den 49-Jährigen an Märchen fasziniert? „Sie sind uralt, aber ihre Weisheit ist zeitlos, ihre Figuren sind ehrlich, sie nützen sich nicht ab.“ Es gehe um Bilder der Seele, die uns berühren, sagt Jahnke – „von Liebe und Tod, Ängsten, Hass, von Freundschaft, Wünschen und Sehnsüchten“.

Im Glaspalast auf dem Pfefferberg-Gelände gibt's Märchen in Gewächshaus-Atmosphäre.
Im Glaspalast auf dem Pfefferberg-Gelände gibt's Märchen in Gewächshaus-Atmosphäre.Foto: Thilo Rückeis

In der Märchenhütte flackert ein Kaminfeuer

Das ist auch die Triebkraft des zweiten Berliner Märchentheaters am Monbijoupark in Mitte, gegenüber dem Bode-Museum. Dort stehen zwei hundertjährige Blockhütten, die sogar Namen haben: Jacob und Wilhelm. „Nah einem Berg hinter einem großen Wald“ entdeckte das Märchenhütten-Ensemble die Häuschen vor Jahren in Polen, packte sie ein und stellte sie an der Spree wieder auf. Nun flackern darin von November bis Februar Kaminfeuer, während die Darsteller „Das Feuerzeug“, „Die Bremer Stadtmusikanten“ und andere Märchen spielen.

Die Zuschauerreihen am Monbijoupark und auf dem Pfefferberg waren schon 2016 rappelvoll. „Märchen sind eben nicht retro“, sagen die Schauspieler. Auch nicht die Geschichte vom Jäger aus der Jungfernheide, der für seine Leidenschaft Familie und Freunde vernachlässigte. Zur Strafe kommt er nie zur Ruhe. „Und wenn er nicht gestorben ist ...“

Tipps für die Märchensaison

28. Berliner Märchentage, 9. bis 26. November, www.märchenland.de.

Die Aufführungen des Glaspalastes am Pfefferberg stehen im Netz unter: www.pfefferberg-theater.de. Die Website der Märchenhütte im Monbijoupark lautet: www.maerchenhuette.de.

Das Puppentheater-Museum in Neukölln, Karl-Marx-Straße 135, zeigt märchenhafte Puppenspiele, Infos unter: www.puppentheater-museum.de.

Die Tadshikische Teestube, Oranienburger Straße 27, lädt zu Märchenerzählungen ein: www.tadshikische-teestube.de.

Das Restaurant „eßkultur“ veranstaltet im Beduinenzelt an der Dahlemer Takustraße Märchenfrühstücke am Samowar, www.esskultur-berlin.de.

Im Admiralspalast in Mitte wird die Bühne vom 25. 11. bis 17.12.17 zum Märchenbuch mit Grimmschen Geschichten, www.admiralspalast.de.

Die Staatsoper spielt ab 8. Dezember Humperdincks Klassiker „Hänsel und Gretel“, www.staatsoper-berlin.de.

Buchtipps: „Märchen und Sagen aus Berlin und der Mark“, Horst Behrend/ Niels Hermann, v.Kloeden-Verlag. „Grimms Märchen aus Berlin & Brandenburg“, Helmut Borth, Steffen-Verlag.
Nur noch antiquarisch erhältlich sind:
„Der Ritter im Sack“ von Klaus Kordon, Erika Klopp-Verlag; "Sagenhaftes Berlin", Siegfried Neumann, Diederichs-Verlag; "Die Seidenspinnerin. Im Märchenland Mark Brandenburg", Hans Siwik, Herder-Verlag; "Der Schatz von Chorin", Stapp-Verlag.

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