Berlin : Geschichtslektion im U-Bahnhof

Das Land will die Mauergeschichte anschaulicher präsentieren und alle Orte durch Hinweise verbinden. Ausstellungsmacherin Dagmar von Wilcken zeigt, was künftig am Brandenburger Tor zu sehen sein wird

Lars von Törne

Auf dem Computerschirm von Dagmar von Wilcken steht eine Hitparade der Mauerzitate. Von Ulbrichts „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“ bis zu Reagans Aufforderung an Gorbatschow, die Mauer abzureißen. Neben dem Schreibtisch der Ausstellungsgestalterin in ihrem Kreuzberger Atelierbüro hängt eine fünf Meter lange Papierrolle mit Fotos von Mauer und Brandenburger Tor, daneben Zeichnungen und Pappmodelle des künftigen U-Bahnhofs Brandenburger Tor, versehen mit ebenjenen Mauerzitaten und Fotos. Auch ein unterirdischer Informationsraum mit Filmen, Büchern und Computerterminals ist auf einem Plan an der Wand zu sehen.

Das sind die Zutaten des künftigen „Hauptportals“ zur Beschäftigung mit dem Thema Mauer, wie es Kultursenator Thomas Flierl (Linkspartei/PDS) nennt. Ausstellungsmacherin von Wilcken hat das Projekt gemeinsam mit Historikern und Senatsfachleuten erarbeitet, gestern verabschiedete die Landesregierung das Gesamtkonzept zur Erinnerung an die Mauer. Dazu gehört neben dem informativen U-Bahnhof vor allem eine erweiterte Gedenklandschaft rund um die Gedenkstätte Bernauer Straße. Hier, an der Grenze zwischen Mitte und Wedding, soll es zusätzlich zu den existierenden Mauerresten ein umfangreiches Angebot gegen das Vergessen geben: Von einem Informationspavillon und einer Aussichtsplattform an der S-Bahnstation Nordbahnhof über Kreuze und Fotos, die an Maueropfer erinnern, bis hin zu einer umfassenden Kennzeichnung der Mauerreste. Bis Jahresende will der Senat einen Wettbewerb für die Umsetzung dieses Teils des Mauerkonzeptes ausschreiben.

Kurz danach soll dann bereits Dagmar von Wilckens Planung am Brandenburger Tor in die Realität umgesetzt werden, parallel zur Eröffnung des neuen U-Bahnhofes, die für 2007 geplant ist. Ihre gestalterischen Spuren hinterlässt die Ausstellungsmacherin allerdings auch an den anderen wichtigen Mauer- Gedenkorten, die als Teil des neuen Konzeptes künftig besser miteinander verbunden werden sollen. Von Wilcken hat mit zwei Kolleginnen ihres Büros „F217“, Helga Lieser und Gudrun Haberkern, den Auftrag bekommen, zentrale Mauerorte durch ein einheitliches Leitsystem miteinander zu verbinden. Das Trio hat dafür auffällige Metallstelen entworfen, die wie einst die Mauer jeweils 3,60 Meter hoch sind. Auf drei Seiten sind sie von Rost überzogen, die vierte ist glänzender Edelstahl. In Augenhöhe gibt es beleuchtete Glasflächen, auf denen mehrsprachige Informationen und Verweise auf andere Mauerorte zu finden sein sollen. Bereits im Dezember soll die erste Stele in der Nähe der Charité an den dortigen Mauerverlauf erinnern.

Mit ihrer Präsentation am Brandenburger Tor geht von Wilcken allerdings weit über die 28-jährige Geschichte der Berliner Mauer hinaus. In enger Zusammenarbeit mit dem Mauerexperten der Kulturverwaltung, Rainer Klemke, soll im U-Bahnhof künftig auch an andere wichtige Epochen der deutschen Geschichte erinnert werden, von Napoleons Einzug durch das Brandenburger Tor bis hin zu Weimarer Republik, Nationalsozialismus, Mauerbau 1961 und Mauerfall 1989. Wo in anderen U-Bahnhöfen große Werbeplakate hängen, symbolisieren hier bis zu drei Meter hohe Fotos die wechselhafte Geschichte des zentralen Ortes. Die Zitate zur Mauer findet der Besucher beim Aufstieg aus dem U-Bahnhof an den Wänden neben der Rolltreppe. Und in der Passerelle, die zu den beiden Ausgängen führt, gibt es detaillierte Informationen zur Mauer und der jüngeren deutschen Geschichte.

Überblick über die Mauerorte und das Konzept des Senats im Internet: www.berlin.de/mauer

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