Berlin : Geschichtsstunde für Berlin

Der Historiker Heinrich August Winkler ist für die Allee der Demokraten. Er setzt sich aber auch für Ernst Reuters Ehrenbürgerschaft ein

Sabine Beikler

Wie kann Berlin herausragende Persönlichkeiten wie Ernst Reuter ehren? SPD und Senat lehnen eine Verleihung der Ehrenbürgerwürde posthum ab. Stattdessen hat der SPD-Landeschef und Stadtentwicklungssenator Peter Strieder eine „Allee der Demokraten“ mit Büsten und Denkmälern im Tiergarten vorgeschlagen. Seine Idee ruft unterschiedliche Reaktionen hervor: Der Berliner Historiker Heinrich August Winkler findet sie „vorzüglich“, der PDS-Kulturpolitiker Wolfgang Brauer will sich ein solches „Monster-Museum“ nicht einmal in seinen kühnsten Träumen vorstellen. Und CDU-Landeschef Joachim Zeller bewertet Strieders Vorstoß als „Entlastungsangriff“, um von der Unions-Forderung abzulenken, Reuter die Ehrenbürgerwürde posthum zu verleihen.

Heinrich August Winkler, SPD-Mitglied und Professor für Neueste Geschichte an der Humboldt-Uni, kann die ablehnende Haltung des Senats ebenfalls nicht verstehen. Gerade Ernst Reuters Biographie würde die Historie des 20. Jahrhunderts widerspiegeln: „Er war Kommunist, unabhängiger Sozialdemokrat, Sozialdemokrat, Emigrant, Humanist und Demokrat“, sagt Winkler.

Strieders Vorstoß, Demokraten gebührend zu ehren, sei nicht neu. Winkler erinnert sich an die Kommission zur Umbenennung der Straßen Mitte der 90er Jahre, in der er mitarbeitete. Den Vorschlag, die Dimitroffstraße nicht in Danziger Straße, sondern zugunsten zweier bedeutender Politiker der Weimarer Zeit, Erzberger und Hilferding, umzubenennen, habe die Kommission zwar einstimmig beschlossen, scheiterte jedoch am „heftigen Widerstand“ der Union. „Die Vorschläge der Kommission wurden vom damaligen Verkehrssenator Herwig Haase nicht umgesetzt“, sagt Winkler.

Strieders Forderung, „Demokraten“ zu würdigen, ist laut Winkler zu eng gefasst. „Deutsche müssen sich auch an die Vorkämpfer für Recht und Freiheit erinnern können.“ Liberale aus dem 19. Jahrhundert wie Eduard Lasker oder Ludwig Bamberger, die sich beide nicht als Demokraten im Parteisinne verstanden, hätten für die Durchsetzung von Bürgerrechten große Verdienste erworben. Eine Ehrung in einer „Allee der Demokraten“ schuldet das Land Winkler zufolge auch konservativen Hitler-Gegnern wie zum Beispiel Carl Goerdeler, „der kein Demokrat im Sinne des Grundgesetzes war.“

Der Berliner Historiker erwartet von den Parteien eigene Vorschläge, welche Persönlichkeiten zum Beispiel in den Genuss einer „Allee der Demokraten“ kommen sollten. Dann könne man anhand der Vorschläge auch gleich prüfen, wie weit es mit dem „Geschichtsbewusstsein“ der Parteien stehe. Ob eine Ehrung nun in Gestalt einer „Allee“ voller Denkmäler oder nicht besser als ein „Lehrpfad des Rechtsstaats“ mit Gedenktafeln und Porträts umgesetzt werden soll, müsse ohnehin noch diskutiert werden.

PDS-Kulturpolitiker Brauer findet eine Auseinandersetzung über Ehrungen ebenfalls wichtig. Die Diskussion dürfe aber nicht dazu führen, dass „die Ergebnisse in Gips gegossen werden und die Stadt damit belästigt wird“. Brauer wirft wie Zeller der SPD vor, mit der „Allee der Demokraten“ von der Debatte über die Ehrenbürgerschaft für Ernst Reuter abzulenken. Brauer unterstützt die CDU-Forderung nach der posthumen Verleihung der Ehrenbürgerwürde.

Sollte Strieders Vorschlag eine Mehrheit finden, stellt sich die nächste Frage, wer über den „Status Demokrat“ bestimmen darf. Torsten Wöhlert, Sprecher von PDS-Kultursenator Thomas Flierl: „Was ist denn dann mit Stefan Heym?“ Oder mit Eberhard Diepgen, wie aus der CDU zu hören war? Über ihn trifft Historiker Winkler eine klare Aussage: „Lebenden setzt man in einer Demokratie keine Denkmäler.“

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