Berlin : Geschlagen, gekratzt, gedemütigt Prozess gegen Eltern wegen Misshandlung

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„Wir haben kein schlechtes Gewissen“, sagte die Frau, und ihr Gatte nickt. Sie habe ihre Tochter von vorne bis hinten bedient, erklärte die 46jährige Mutter. Gewalt habe es nicht gegeben. „Höchstens mal einen freundschaftlichen Klaps“, erklärte der 16 Jahre ältere Mann. Die Anklage aber sieht das anders. Sabine und Werner H. müssen sich seit gestern wegen roher Misshandlung ihrer Tochter verantworten. Über mehrere Jahre sollen die Eheleute ihr einziges Kind geschlagen, gekratzt und immer wieder gedemütigt haben.

Die Übergriffe begannen demnach, als das Mädchen sieben Jahre alt war und in die Schule kam. Neun Fälle hat die Staatsanwaltschaft aufgelistet. In einem Fall soll Werner H., ein früherer Funker im DDR-Innenministerium, seine Tochter in der Pankower Wohnung mit einem Holzschuh verprügelt haben. Die Mutter hielt das Mädchen laut Anklage fest und kratzte es. Ein anderes Mal sollen sie ihre Tochter im Herbst für ein Wochenende in einen unbeheizten Geräteschuppen gesperrt haben. Dem Vater wird weiter vorgeworfen, das Mädchen in der Badewanne untergetaucht und in Todesangst versetzt zu haben. Einmal musste die Tochter laut Anklage verschimmelten Quark essen. Als Strafaktion sei ihr auch angedroht worden, sie müsse ein Auge für ihre erkrankte Mutter spenden.

Durch die stetigen Misshandlungen und Peinigungen soll die heute 16-Jährige schließlich selbst aggressiv geworden und auf ihren Vater losgegangen sein. Ende Dezember 2003 nahm sie eine Schere. Sie verletzte Werner H. am Auge und lief weg. Als sie nicht mehr nach Hause wollte, zeigte der Vater seine Tochter an. Als sie schließlich wegen gefährlicher Körperverletzung vor Gericht saß, soll sie von Übergriffen im Elternhaus berichtet haben. Die angeklagten Eheleute, beide krank und Frührentner, wollten sich zunächst nicht zu den Vorwürfen äußern. Sie sprachen dagegen viel über ihre Ängste seit der Wende, die vor allem Werner H. „nicht gut verkraftet“ habe, und über ihre gesundheitlichen Probleme. Am 10. Oktober soll die Tochter, die jetzt in einem Heim lebt, als Zeugin vernommen werden. K. G.

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