Berlin : Geschüttelt und gerührt

Frank Jansen

Es ist vorbei. Der Ost-Hype, ein Drink von gestern. Das wahre, das schöne, das originelle Trinken wird wieder eine Domäne des Berliner Westens. Vor allem ein Quartier hat sich gehäutet: Good old Kreuzberg ist mehr als nur Kulisse für die Hardcore-Sause mit Billigbier und Pflasterstein. Über aufgehübschten Haifischen und dunklen Piranhas schwebt hier ein verplüschter Würgeengel, in seinen Händen eine rote Harfe und einen erlesenen Molotow-Cocktail haltend. Trinken wir uns durch Kreuzberg – und den Rest von Berlin.

Vier Monate war die Haifischbar verrammelt, jetzt glänzt sie mit feinem Lederpolster-Interieur und besseren Cocktails denn je. Da wäre zum Beispiel der Sex Rouge (Gin, Bénédictine, Grenadine, Orangensaft, Schweppes Ginger Ale) zu nennen, oder der Mariachi (Control Gran Pisco, Triple Sec, Lime Juice, Mandelsirup, Zitronensaft). Und: Das Sushi-Angebot ist eine kongeniale Zugabe, insbesondere das Lachsspezialmenü. Diese Kombination ist derzeit in Berlin nicht zu schlagen: Platz 1.

„The pleasures of serious drinking“ verspricht der beste Keeper der Stadt, Stefan Weber, den Gästen seiner grau-braun-distinguierten Victoria Bar. Zu Recht: Die Whiskey-Drinks sind legendär, aber auch Cocktails wie die Tequilabombe Funkadelic taugen zu very serious pleasure. Victorias Keimzelle ist das Green Door . Dessen Crew proklamiert „The power of positive drinking“. Der wuchtige Mai Tai und die endlose, grün-braune Urschleimtresenwand sind Insignien der Macht, Berlins Barleben positiv zu prägen.

Wieder nach Kreuzberg. Der Würgeengel ist der Klassiker kieziger Cocktailkultur. Rot-gold-samtig und ein himmlischer Raffles Singapore Sling in den Schwingen. Am anderen Ende des Westteils der Stadt entfaltet sich ein neuer Himmelskörper: In der Universum Lounge paaren sich Blond-Engelchen mit muskulösen Gelhaar-Aliens. Dazu werden aus den schwersten Bargläsern der Galaxis Endstufencocktails wie Universum Royal und Deep Thai konsumiert. Wer noch abheben, in den Osten düsen und punktgenau landen kann, schwebt im Windhorst ein, um beim superben Hurricane aufzutanken. Nur nicht daneben landen! Von Kugeln gesiebt trinkt es sich schlecht. Die benachbarte US-Botschaft wird schärfer bewacht als das Originalrezept des Sex on the Beach.

Dann: zurück nach Kreuzberg! Mit Blick auf die Spree wird im No. 52 postkoloniales Trinken auf Teekisten zelebriert. Ein süffiges Vergnügen, dank Waikiki Sling und Midori Melon. Richtig upper stiff geht es in der Westcity zu, in Sam’s Bar . In gediegenem Kirschholz-Ambiente wird ein fantastischer Long Island Ice Tea serviert. Wer es hören will, bekommt As time goes by vorgespielt.

Rauen Rock und Supersushis gibt’s bei ZAZA . Die Mischung mag obskur erscheinen, doch nach zwei, drei Southern Passion mutieren auch sanfte Menschen zu Essstäbchentrommlern. Im Riva rattert die S-Bahn über die Köpfe der drinking crowd. Der legendäre Hauscocktail Gigi Riva steigert das kollektive Vibrieren noch. Als beste Cocktailbar in Friedrichshain sei das Zebrano empfohlen, ein Lokal mit quirligem Jungpublikum – und der Uraltdroge Absinth auf der Karte.

Es gibt Klassiker, die dürfen nie fehlen. Die Wilmersdorfer Gewölbebar Zur Weißen Maus zählt dazu, schon wegen des unübertroffenen Planter’s Punch. Und das 1955 von Hans Scharoun eingerichtete Hinterzimmerlokal der Galerie Bremer. Im ältesten Cocktailtempel der Stadt steht der Grandpa aller Keeper hinterm Tresen, Rudolf van der Lak. Und lächelt sich den Hammerdrink East of Eden (Himbeergeist, Wodka, Whisky, Apricot Brandy, Cointreau, Sekt) zurecht.

Kreuzberg! Wie ein Stück Mitte im Randalekiez, so richtig provokativ, erscheint das Molotow Cocktail . Tiefrote Wände, grüne Polsterbänke, Club-Culture-Sound, neckische Girlies - und dann noch ein leckerer Russian Lover. Die Jansen Bar wirkt in der Schöneberger Gotenstraße auch wie ein Fremdkörper. Aber ein lieber. Hier wird netten Studenten das elegant drinking nahegebracht, zum Beispiel mit einem Cinnamon Alexander (Brandy Alexander mit Zimtlikör). Sehr schön.

Im Hecht Club steht am Eingang ein Sack Erdnüsse. Mit einer Handvoll zur Terrasse hochsteigen, oben die Nüsschen pellen, das Biergartenpanorama des Prater bespötteln und den besten Gin Tai der Stadt genießen – wer will da noch in die Karibik? Das Reingold hingegen, mit strengem Art-déco-Interieur, ist eine klassische Winterbar. Smooth music, snobby cocktails. Exzellent: Der Singapore Sling. Auch im Eau Rouge werden die Zwanziger beschworen. Mit Swing, und zwar live. Garniert mit einem perfekten Frozen Daiquiri.

Jetzt noch mal Kreuzberg. Die Dos Piranhas beißen nicht, sie zwicken nur – jeden Tag im Jahr mit einem anderen Cocktail. Die Rote Harfe hingegen, die der drinking man als knarrholzigen streetfighter-stronghold in Erinnerung hatte, ja, die ist heute – eine Überraschung pur. Rote Polsterbänke, dezent grau gemusterte Wände, und dann der Aufstieg in die Orient Lounge . Doller geht’s nimmer. Üppig ausgestattete Séparées, mit dicken Kissen und wallenden Vorhängen und klimpernden Pseudo-Bernstein-Flitter und schaumwolkenartigem Geleucht – und passablem Mojito. Ist denn Kreuzberg völlig von der Rolle? Ein Blick ins Programmheft der Roten Harfe tröstet die Nostalgiker. Da wird die Band „Terrorgruppe“ angekündigt, „Kreuzbergs ganzer Rüpelpunk-Stolz“. Dazu ein Sadomaso-Meeting, das „Berlin Munch“. „Munch“ bedeutet soviel wie „schmatzend kauen, mampfen“. Zum Wohle. Und SKOL!

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