Berlin : Geschundene Kinder

Immer mehr Fälle von Misshandlungen werden gemeldet

-

Eine Mutter verlässt im Januar das Haus und lässt ihren Sohn zurück. Die Leiche des zweijährigen AlisanTuran wird mumifiziert gefunden. Vier Wochen später stirbt der dreijährige Yannick an den monatelangen sadistischen Quälereien des Freundes seiner Mutter – zwei spektakuläre Kindstötungen vom Jahresanfang.

Drei von ihren Eltern getötete Kinder gab es im letzten Jahr, dazu 267 Misshandlungen. Im Jahr 2000 waren es nur 198 Misshandlungen – die Polizei erklärt die Steigerung so: „Es wird mehr angezeigt.“ Früher habe keiner reagiert, wenn ein Kind mit einem blauen Auge zur Schule kam, sagte eine Ermittlerin. Auch Heidi Kleine, die bei der Justiz das Sonderdezernat „Häusliche Gewalt“ leitet, sagt, dass die Zahl der Fälle „weiter steigt“. In den ersten neun Monaten diesen Jahres habe man die Zahl des Vorjahres von mehr als 6000 schon überschritten.

Die Hintergründe ähneln sich. Häufig ist es Streit zwischen den Eheleuten, Arbeitslosigkeit, mangelnder Intellekt, Alkohol, zerrüttete Familien. „Viele sind in diesem Milieu schon aufgewachsen, die kennen es gar nicht anders“, sagte ein Kriminalbeamter. „Häusliche Gewalt wird in Mitte oder Hellersdorf häufiger angezeigt als in Zehlendorf“, sagt auch Amtsanwältin Heidi Kleine. „Sozial besser gestellte Familien versuchen so etwas ohne Polizei zu lösen“, sagte Kleine – indem sich die Familien trennen zum Beispiel. Geprügelt werde aber überall.

Trotz der gestiegenen Zahl von Anzeigen wünscht sich die Polizei mehr Sensibilität in der Gesellschaft. Viele Leute hätten Angst, bei der Polizei anzurufen, wenn sie mitbekommen, dass nebenan Frauen oder Kinder verprügelt werden, sagte ein Ermittler. Auch im Fall des verhungerten Alisan-Turan hatten die Nachbarn wochenlang den Gestank aus der Wohnung ausgehalten, bis einer die Polizei rief.

Auch im dritten spektakulären Fall von Kindesmisshandlung, der ab heute vor Gericht steht, konnte der Täter zweieinhalb Jahre lang ungestört seine Lebensgefährtin und deren drei Kinder malträtieren. Die heute elfjährige Tochter missbrauchte er seit ihrem siebten Lebensjahr. Ihrem vier Jahre jüngeren Bruder riss er Haarbüschel aus und rammte ihn mit Karatetritten zu Boden. Selbst vor Neugeborenen machte der 39-Jährige nicht Halt: Den sechs Wochen alten Säugling warf er so in sein Bettchen, dass er fast an Hirnblutungen gestorben wäre. Ha

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben