Berlin : Gesellschaft ohne Kinderwunsch

Beim „Treffpunkt Tagesspiegel“ im Hotel Intercontinental wurde kontrovers über die bundesdeutsche Familienpolitik diskutiert

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Die Familie: In den ersten 100 Tagen der großen Koalition wurde sie nicht nur dank der sieben Kinder von Familienministerin Ursula von der Leyen zum bestimmenden Thema. Die deutsche demografische Krise, das Erziehungsgeld für Berufspausierer und die steuerliche Absetzbarkeit von Erziehungsleistungen waren Themen, die in den vergangenen Monaten die Schlagzeilen beherrschten.

Grund genug für eine Zwischenbilanz: Am Montag diskutierten beim „Treffpunkt Tagesspiegel“ im Hotel Intercontinental Bildungssenator Klaus Böger (SPD), der FU-Historiker Paul Nolte, die CDU/CSU-Vizefraktionsvorsitzende Katherina Reiche, die sozialpolitische Fraktionssprecherin von Bündnis 90/Die Grünen Ekin Deligöz sowie Tagesspiegel-Redakteur Moritz Schuller unter Moderation des früheren Berliner Wissenschaftssenators George Turner über Probleme und Perspektiven der Familienpolitik.

Reiche umriss zunächst die Bilanz von Schwarz-Rot: Mit dem neuen Erziehungsgeld und der verbesserten steuerlichen Absetzbarkeit von Erziehungsleistungen seien erste wichtige Schritte geleistet. Dem wollte Ekin Deligöz von den Grünen freilich nicht zustimmen: Der Koalitionsvertrag lebe familienpolitisch von „faulen Kompromissen“. Insbesondere die Absetzbarkeit von Erziehungsleistungen sei „ein Förderprogramm für Steuerberater, nicht für Familien“. Gefördert würden Besserverdiener, Hartz-IV-Empfänger gingen leer aus. Außerdem dürfe bei der Förderung „nicht die Lebensform der Eltern im Mittelpunkt stehen, sondern das Kind“.

Trotz dieser Meinungsverschiedenheiten glaubt der Historiker Paul Nolte, dass „die alten parteipolitischen Konfliktlinien zunehmend in den Hintergrund treten und Familie als relevantes Thema wiederentdeckt wird“. Drei zentrale Fragen ergeben sich für den Historiker aus der Debatte: „Wie weit darf und muss der Staat sich einmischen? Muss man Kinder als finanziellen Schaden sehen, der staatlich kompensiert werden muss? Und: wie steht unsere Gesellschaft grundsätzlich zu Kindern?“ Besonders letztere Frage interessierte Moritz Schuller: „Trotz allen Drehens an Stellschrauben ändert sich nichts an der Geburtenrate von 1,3 Kindern. Wir müssen uns fragen: Warum wollen wir keine Kinder?“

Eine Frage, die auch Klaus Böger mit Blick auf seine eigenen, kinderlosen Söhne umtreibt: „Sie sagen, das habe noch Zeit. Ich kriege einfach nicht raus, was sie abhält.“ In Berlin sei die Familie auch statistisch betrachtet nicht mehr der Regelfall: 51 Prozent Single-Haushalte zähle die Hauptstadt. Bögers Fazit: „Wenn wir den Leuten nicht vermitteln, dass Kinder eine Bereicherung sind, dann haben wir keine Chance.“ müh

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