Gesellschaftliches Engagement : Dann klappt’s auch mit dem Nachbarn

In der Bürgeruni Charlottenburg können Kiezbewohner viel voneinander lernen – und nicht nur dort. In Berlin gibt es immer mehr Initiativen nach britischem Vorbild. Die Teilnehmer bilden sich weiter und knüpfen Kontakte.

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Hört, hört. Tobias Stapf, Gründer der Bürgeruni, beim Erste-Hilfe-Training. Jeder lernt von jedem – ohne, dass es einen was kostet. Außer ein wenig Einsatzbereitschaft.
Hört, hört. Tobias Stapf, Gründer der Bürgeruni, beim Erste-Hilfe-Training. Jeder lernt von jedem – ohne, dass es einen was...Foto: Georg Moritz

Yasemin Yildiz hat Gefallen gefunden an ihrem neuen Titel. „Ich bin jetzt Professorin.“ Die Türkin sagt es in ihrem gebrochenen Deutsch, als wollte sie den Klang der Worte testen. Aber Tobias Stapf kann ihr anhören, dass sie stolz ist auf ihre neue Berufung.

Yildiz war eine der ersten ehrenamtlichen Professorinnen an Stapfs neu gegründeter Bürgeruni in Charlottenburg. Der Kurs „Türkisch Kochen“ mauserte sich zum erfolgreichsten Lehrgang im ersten Schuljahr am Klausenerplatz. Dabei sah es anfangs ganz und gar nicht danach aus. Die Türkin hatte mit Sprachproblemen zu kämpfen. Gleichzeitig verhielt sie sich, wie sie es gewohnt war: als professionelle Küchenchefin. In ihrem Perfektionismus drohte sie aber ihre Studenten zu vergraulen. Stapf gab ihr den Tipp, den Unterricht interaktiver zu gestalten.

Unterrichten muss man erst unterrichten – das war Stapfs wichtigste Erkenntnis aus der Anfangszeit der Bürgeruni im vergangenen Frühjahr. Denn die Lehrer haben Kenntnisse und Fähigkeiten – vor einer Klasse gestanden haben sie aber noch nie. Deshalb hat Stapf seine „Professoren“ erst einmal geschult. Wichtig war ihm, dass die Kursinhalte „im Alltag der Menschen verankert sind“. Rund 90 Charlottenburger belegten so im ersten Semester Computerkurse oder beschäftigten sich mit Videoproduktion. Sie erfuhren, wie man Strom spart oder Erste Hilfe leistet. Meist gibt es einmal die Woche eine Kurseinheit von 90 Minuten, und zwar über vier, fünf Wochen. Manch einer bietet auch Intensiv-Workshops am Wochenende an.

Organisierter Wissensaustausch zwischen Bürgern und Nachbarn

Die Idee hat Stapf aus London mitgebracht, wo der Geograph nach dem Studium die Citizen's University mit aufbaute. Die Erwachsenenbildung funktioniere in England anders als in Deutschland:. Während die Deutschen das Thema Bildung mit viel Ernst und Ehrgeiz anpackten, sei für die Briten der Humor eine treibende Kraft. „Die Engländer sind eher bereit, spielerisch miteinander umzugehen“, ist Stapf aufgefallen. Zurück in Deutschland, beschloss der 32-Jährige, ein Projekt nach dem Vorbild der Citizen’s University in seinem Kiez ins Leben zu rufen. Unterstützung fand er beim Senat und dem Europäischen Sozialfond, die dem Projekt Geld für Materialien und die Website-Entwicklung zuschossen. Seinen Lebensunterhalt verdient Stapf als Mitarbeiter verschiedener Sozial- und Forschungsprojekte.

Das sogenannte „Skill sharing“, der organisierte Wissensaustausch zwischen Bürgern und Nachbarn ist eine weltweite Erscheinung. Auch in Berlin ist Stapf längst nicht mehr der Einzige mit seiner Initiative. In Kreuzberg betreibt eine Gruppe junger Leute einen Ableger der New Yorker „Trade School“ und in Neukölln gibt es bereits seit September 2010 eine Außenstelle der weltweit operierenden „Public School“. Keines dieser Projekte ist wie das andere. Sie sind geprägt von ihrem Publikum und dem Kiez, in dem sie beheimatet sind. So bauen sie das Konzept der Tauschcafés weiter aus, nur dass Bildungsangebote statt Güter oder Dienstleistungen angeboten werden.

An der „Trade School“ etwa wird Wissen und anderes getauscht. Dazu fertigt der Lehrer eine Liste an, was er sich von seinen Schülern als Gegenleistung wünscht. Das können kleine Geschenke sein, tägliche Bedarfsgüter oder auch persönliche Gefallen, wie etwa tatkräftige Hilfe beim nächsten Umzug. Das Konzept findet bereits weltweit Anwendung.

So erfuhr die Kreuzbergerin Trinka Lat auch erst über einige Facebook-Freunde aus ihrer Heimat Manila, der Hauptstadt der Philippinen, von dem Modell. Eine Internet-Recherche führte Lat im Januar zum ersten Treffen im neuen Jahr in das „Klassenzimmer“ der Berliner Trade School in der Gneisenaustraße.

Tricks mit dem Hula-Hoop-Reifen, Strickkurse, philippinische Spezialitäten

Die 33-Jährige wohnt in der Nähe und will auf jeden Fall wiederkommen. Sie könnte anderen beibringen, wie man philippinische Spezialitäten zubereitet oder wie man Tricks mit dem Hula-Hoop-Reifen macht. Egal was es am Ende wird – Lat möchte gerne unter Leute kommen. Sie lernt zwar viele Berliner kennen, aber meistens nur auf Partys. „Das habe ich satt, das ist langweilig geworden“, sagt sie und winkt ab. Viel spannender fände sie es, mit anderen aus dem Kiez beim Strickkurs ins Gespräch zu kommen.

Der Austausch mit den Nachbarn sei die Hauptmotivation, warum sich jemand an einer Bürgeruni engagiere, weiß auch Tobias Stapf. Er ist sogar überzeugt: „Bildung kann zu einem neuen Instrument der Gemeinschaftsbildung werden, wo traditionelle Mittel versagt haben.“

Zum Beispiel beim Thema Integration: Nicht umsonst bemüht sich die Bürgeruni um ein Kurs-Angebot, das die türkische Gemeinde im Kiez anspricht und miteinbezieht. Wenn dann Alteingesessene bei Migranten wie der Köchin Yasemin Yildiz in die Lehre gehen, werden auch mal ganz bewusst die Rollen vertauscht und klargemacht: Das Bild vom hilfsbedürftigen Ausländer ist nur eine Seite der Medaille. Die andere ist, dass wirklich jeder Fähigkeiten besitzt, mit denen er der Gemeinschaft Gutes tun kann.

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