Berlin : Gesetz hat Biss: Hunde greifen viel seltener an

Zahl der Beißattacken seit 2000 fast halbiert – dank Maulkorbzwang und einsichtigerer Halter

Christoph Stollowsky

Weniger Beißattacken, folgsamere Hunde – das Risiko, in Berlin von einem Hund angegriffen zu werden, ist deutlich geringer geworden. „Berlins neues Hundegesetz zeigt Wirkung, es hat Biss“, sagt der oberste Amtsveterinär der Stadt in der Gesundheitsverwaltung, Torsten Nöldner. So ging die Zahl der Bissvorfälle seit 2000 kontinuierlich um mehr als 40 Prozent zurück. Und das, obwohl die Zahl der rund 6000 gehaltenen Kampfhunde in etwa gleich geblieben ist und heute sogar noch etwas mehr Hunde in Berlin angemeldet sind als vor sechs Jahren – insgesamt sind es zurzeit 108 500 Tiere.

Die gesetzlichen Auflagen und möglichen Sanktionen von der verschärften Leinenpflicht in Grünanlagen bis zum Hundeführerschein für Kampfhunde haben offenbar viele Hundehalter veranlasst, sich intensiver mit ihrem Tier zu beschäftigen und eine Hundeschule zu besuchen. Das bestätigen die Erfahrungen der Amtstierärzte in den Bezirken. Hinzu kam der öffentliche Druck durch die vielen Debatten, wie sich Hundeangriffe künftig vermeiden lassen.

Im Jahr 2000 ging der Senat erstmals gezielt mit einer Hundeverordnung gegen zwölf Kampfhunderassen vor – vom American Staffordshire Terrier bis zum Mastiff. Sie wurden in einer Rasseliste als „gefährliche Hunde“ aufgeführt, ihre Halter bekamen erste Auflagen. Der Leinen zwang wurde ausgeweitet und Sanktionen gegen jeden Hund – egal, welcher Rasse – angedroht, sollte er sich als aggressiv erweisen. Die Verordnung war allerdings juristisch angreifbar, Kampfhundehalter klagten erfolgreich. Deshalb fasste das Abgeordnetenhaus 2004 die Regelungen in einem rechtlich besser haltbaren Gesetzeswerk zusammen. Es enthält weitere Verschärfungen. Seither muss jeder Hund haftpflichtversichert und außerdem identifizierbar sein. Dazu pflanzt man ihm einen Chip mit den Daten seines Halters unter die Haut. Wer einen Kampfhund hält, muss zudem eine Art „Hundeführerschein“ erwerben, indem er seine Dressurkenntnisse nachweist; er braucht ein tierärztliches Gutachten zur Friedfertigkeit des Hunde und darf diesen nur mit Leine und Maulkorb ausführen. Diese Auflagen sowie zwei- bis dreistellige Bußgelder bei Verstößen können auch jeden anderen Hund treffen, falls er wegen Aggressivität angezeigt wird.

Denn Kampfhunde sind im Durchschnitt nur an jedem zehnten Bissvorfall beteiligt, obwohl sie als besonders angriffslustig gelten. Das liegt an ihrer geringen Zahl im Vergleich zu anderen Hunderassen, die gleichfalls aggressiv werden können. So verletzte ein Labrador vor vier Wochen ein Kind in Niederschönhausen schwer. Und 2006 bissen Schäferhunde 122 Mal zu, alle Kampfhunderassen zusammen etwa 70 Mal. Unter dem Strich gab es im vergangenen Jahr 839 Bissvorfälle, im Jahr 2000 noch 1450. „Wir müssen das Gesetz weiter mit Nachdruck durchsetzen“, folgert die Gesundheitsverwaltung.

Dass die Zahl der Angriffe deutlich zurückgeht und sich Hundehalter „vernünftiger verhalten“, beobachtet auch die Leiterin des Veterinäramtes von Charlottenburg, Eva Erdmann. „Die meisten Kampfhunde tragen heute brav einen Maulkorb.“ Bleibt ein Hundefreund allerdings uneinsichtig, so greifen die Amtsveterinäre heute schnell zu. 85 Hunde wurden 2006 in Berlin wegen Angriffslust ihren Besitzern weggenommen oder eingeschläfert, 380 Mal wurde ein Leinen- und Maulkorbzwang verhängt und 125 Mal wurden Haltungsverbote ausgesprochen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar