Gesichter der Stadt : Ganz Berlin auf einem Mast - die Geschichten hinter den Zetteln

Jeden Morgen kommt unsere Autorin an einem Ampelmast vorbei, der beklebt ist mit Werbeslogans, Stickern, Angeboten aus dem Kiez. Eines Tages beschließt sie, dem Ruf der Zettel zu folgen. Und trifft Altrocker, Jungunternehmer und eine unmögliche Liebe.

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Der Pfahl begegnet unserer Autorin jeden Morgen zur Arbeit.
Der Pfahl begegnet unserer Autorin jeden Morgen zur Arbeit.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Der Aufkleber muss neu sein, den kenne ich noch nicht. Irgendjemand hat ihn sorgsam unter das zerfledderte Chaos geklebt, auf den blanken Mast. Die winzige Schrift: eine Herausforderung. Ich entziffere mühsam: „Wir sind ein Orchester ohne Noten. Eine Band ohne Verstärker. Dreißig Stimmen, wildes Geklimper, massig Energie.“ Offenbar spielen sie auf Kinderinstrumenten. „Google uns doch mal“, steht in der letzten Zeile.

Ich wohne in Mitte und arbeite in Prenzlauer Berg. Jeden Tag fahre ich mit dem Fahrrad die gut zwei Kilometer lange Strecke zwischen meinen beiden Lebensmittelpunkten hin und zurück. Jeden Tag dieselben Schlenker, dieselben Ampelphasen, dieselben Bordsteinkanten. Jeden Tag warte ich an der Kreuzung, an der die Oderberger in die Choriner Straße mündet und die wiederum in die Schönhauser Allee. Ich stehe an der Ampel und lese, halb aus Langeweile, halb aus Neugier. Zettel, Plakate und Aufkleber, dutzendfach übereinander geschichtet, zusammengehalten nur von langen und kurzen Klebestreifen. Unordentlich, flatterhaft, formlos. Andererseits auch wunderschön, eine postmoderne Collage. Das Gesicht meiner Stadt. Man stelle sich all die Menschen und Lebensgeschichten dahinter vor, die sich zufällig hier an diesem Mast kreuzen…
Auf einmal habe ich Lust, all diese Telefonnummern anzurufen, Nachrichten an all diese E-Mail-Adressen zu schreiben: Wer seid ihr, was macht ihr, woher kommt ihr?

Mittwoch

Klaus Cornfield vom „Orchestre Miniature in the Park“ (OMP) – so heißt die Kinderinstrumentengruppe ohne Noten – schreibt binnen Minuten zurück. Wir verabreden ein Treffen nachmittags am Pfahl. Eigentlich, um irgendwo einen Kaffee zu trinken, aber dann hat keiner von uns beiden auch nur fünf Euro Bargeld in der Tasche. Pech, prekäres Freiberuflerschicksal, fällt der Latte Macchiato eben aus. Cornfield, graue, wuschelige Haare, modische Brille mit schwarzem Rand, sieht sehr nett, sehr gut gelaunt und nur ein bisschen berufsjugendlich aus. Natürlich duzen wir uns. Ich habe augenblicklich das Gefühl, hier steht das alte Kreuzberg vor mir, nur eben in Prenzlauer Berg. Ein bisschen in die Jahre gekommen, aber immer noch cool. Und absolut antikapitalistisch tiefenentspannt.

Der 50-Jährige war in den späten 80ern und frühen 90ern mit der Nürnberger Indie-Band Throw that Beat in the Garbage Can erfolgreich, sogar fast berühmt. Später gründete Cornfield in Köln eine Band namens Katze. Seitdem er in Berlin lebt, verdient er sein Geld als Comiczeichner. Musik macht er immer noch, „aber nur zum Spaß.“

Das Orchestre Miniature in the Park entstand vor sechs Jahren, in einem Park, auf dem kleinen Teutoburger Platz an der Fehrbelliner Straße, gleich hier um die Ecke. Am Anfang waren es ein paar Freunde, die auf einer Wiese saßen. „Wir wollten einfach schauen, was passiert.“ Und weil sich Klavier und Schlagzeug so schlecht in den Park schleppen lassen, blieb es bei kleinen, handlichen Instrumenten: Glockenspiel, Xylophon, Schellentrommel. Es kamen Ukulelen hinzu, Flöten, Banjos, Kinderklaviere. Das Orchester wuchs und wuchs. Mittlerweile treten die Musiker regelmäßig zusammen auf. „Die Leute sind immer total fasziniert, dass jemand aus so etwas Doofem, Kleinen, Bunten Musik macht“, sagt Cornfield. „Es klingt alles ein bisschen schief.“

Am Pfahl - Zettelgeschichten aus Berlin
„OMP“ steht für Orchestre Miniature in the Park. Die Musiker spielen nur Kleininstrumente, der Aushang weist auf ihr neues Album hin. Der pinkfarbene Aufkleber darüber bewirbt eine Videoplattform.Alle Bilder anzeigen
1 von 6Foto: Astrid Herbold
31.07.2015 11:02„OMP“ steht für Orchestre Miniature in the Park. Die Musiker spielen nur Kleininstrumente, der Aushang weist auf ihr neues Album...

Anfangs hat OMP nur bekannte Sommer-Sonne-Songs gecovert. Jetzt gibt es endlich die erste eigene Platte, selbst gemacht, selbst finanziert, selbst produziert. Deshalb die Aufkleber am Pfahl. 2500 Stück waren bestellt. Leider ist in der Druckerei was schiefgelaufen, jedenfalls hätte das, was am Ampelmast klebt, eigentlich nur die kleingedruckte Rückseite des Aufklebers werden sollen. Was soll’s, sagt Cornfield. „Ich hau sie einfach raus, ohne Rücksicht darauf, ob sie lange kleben bleiben.“ Aber ist das nicht total old school, Aufkleber im Stadtraum, macht man als Musiker heute nicht alles über Social Media? „Wir haben immer Aufkleber geklebt, auch zu der Zeit, als wir Leute bezahlen konnten, die das für uns machen“, sagt Cornfield. Überhaupt, mit dem Orchester wieder ganz von vorne anzufangen, schön sei das. „Man fühlt sich auf jeden Fall jung dadurch.“

Donnerstag

OMP hat Pech. Über Nacht wurde das sympathische Quatsch-Orchester von der Aufmerksamkeitskonkurrenz überklebt. Immerhin ist der Übeltäter transparent. „YRAL.TV“ steht da, sonst nichts. Im Netz finde ich eine Website mit eingebundenen Youtube-Videos, deren Sinn und Zweck sich mir nicht näher erklärt. Außerdem gibt es eine leere Facebook-Seite und ein Twitterprofil mit einer Handvoll Followern. Die Tweets lassen darauf schließen, dass hier irgendwas von irgendwem frisch programmiert wurde. Jetzt läuft offenbar die PR-Offensive an: „I just ordered stickers on flyeralarm“, steht da, „Now watching viral videos while waiting for them to arrive ;).“

Ein paar Tage später sitzt mir Daniel Seiler gegenüber. Er sieht aus wie ein junger Nerd und ist auch einer. Schmale Figur, weißes T-Shirt mit V-Ausschnitt, ruhiges Auftreten, das nur auf den ersten Blick schüchtern wirkt, auf den zweiten angenehm selbstsicher. Den Aufkleber hat er an den Mast gepappt, als er von seiner Wohnung in Richtung Rosa-Luxemburg-Platz gelaufen ist, um japanische Nudeln essen zu gehen.

Nun denn: Jural TV oder Üral TV – oder wie spricht sich das überhaupt aus? Sanft und ohne die geringste Spur kosmopolitischer Überheblichkeit korrigiert Seiler: Der Name werde „viral“ ausgesprochen, mit englischem Zungenschlag natürlich. Und was genau findet man auf der Seite? „Die heißesten Videos aus aller Welt.“ Langsam und zum Mitschreiben erklärt er weiter: Yral.TV ist eine Webseite, auf der in Echtzeit die beliebtesten Netzfilmchen der Welt eingespeist werden. Die Seite funktioniert komplett datengetrieben, es gibt keine Redaktion im Hintergrund, die Videoauswahl basiert ausschließlich auf einer komplizierten Live-Analyse sozialer Netzwerke. „Uns interessiert, was die Leute in dieser Minute schauen.“ Ständig wird sich die Plattform, wenn sie erst mal richtig fertig ist, aktualisieren. So kriegt man immer genau das serviert, was in diesem Moment auch Tausende andere auf der ganzen Welt anklicken.

Gezettelt in Berlin
Argumente für mehr Bier und Stullen, gesehen der Friedrichstraße.Weitere Bilder anzeigen
1 von 1460Foto: Maik Werther
20.09.2017 09:55Argumente für mehr Bier und Stullen, gesehen der Friedrichstraße.

Die Idee ist noch taufrisch, erst vor ein paar Wochen haben Seiler und drei Freunde in Hamburg die Plattform gegründet. Ein Wochenende lang haben sie bei einem „Hackathon“, einem organisierten Programmiertreffen, gemeinsam konzipiert und entworfen. Alle Beteiligten sind zwischen 24 und 26 Jahre alt. Und sonst so, beruflich? „Wir sind Unternehmer, Freelancer, Studenten, ein bisschen von allem.“

Es ist nicht die erste Plattform von Daniel, Moritz, Tim und Tim. Sie haben es während des Studiums schon mal mit einer Essensverabredungs-Webseite versucht. Einer kocht und stellt dann Einladungen ins Netz: Soundso viele Plätze wären heute Abend noch frei an meinem Tisch. Die Seite wurde von den Nutzern leider nicht so richtig angenommen.

Yral.tv scheint vielversprechender zu sein. Kurz nach dem Hackathon durfte das Team seine Idee bei der Geschäftsführung von Hubert Burda Media präsentieren. Wie kommt man denn an so einen hochkarätigen Kontakt, frage ich verblüfft. „Wir haben früher schon für die gearbeitet“, sagt Seiler. Bei einem „Innovation Bootcamp“ haben sie „Rapid Prototyping“ für Burda gemacht – „da haben wir die Vorstände kennengelernt“. Die Wege sind kurz und die Türen offen, wenn man jung ist und sich mit dem nächsten heißen Scheiß im Internet auskennt.

Jetzt ist Yral.tv aber erst mal auf „Office-Suche“ in Berlin. „Wir wollen in den südlichen Prenzlauer Berg, wo auch viele andere Tech-Start-ups sitzen“, sagt Seiler. Südlicher Prenzlauer Berg: Meint er die Kastanienallee, die Gegend rund um die Eberswalder Straße? Genaue Straßennamen hat Seiler nicht parat. „Ich wohne noch nicht lange hier, erst seit März.“ Im Sommer werden auch die anderen Teammitglieder aus Süddeutschland herziehen. Warum nicht nach München, in die Nähe des Investors? Das sei nicht infrage gekommen, sagt Seiler. „Von den Menschen her ist Berlin das Silicon Valley Deutschlands, die Leute sind sehr offen.“

Bei dem Aufkleber hat er sich übrigens etwas gedacht: „Ich hatte die Idee mit der Transparenz. So kann man die überall drüberkleben – der Inhalt ergibt sich erst zusammen mit dem Hintergrund.“ Ein bisschen sei das auch eine Metapher fürs Fernsehen. „Man hat die Plattform, aber eigentlich schaust du durch die Plattform auf den Inhalt.“

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