GESICHTER: DIE MACHER HINTER DEN MAUERN : Der Geheimnisträger

Kanzleramtsminister Thomas de Maizière ist Vermittler in allen Fragen, „erster Offizier“ der Koalition

Barbara Junge

In der Nische mit dem schlichten Holzkreuz setzt sich Thomas de Maizière auf die Fensterbank. Direkt neben dem wuchtigen Schreibtisch, Buche, rötlich gebeizt. Die siebte Etage des Bundeskanzleramtes; über den Flur arbeitet Angela Merkel. Draußen liegt die bevorzugte Aussicht des Kanzleramtsministers, und es handelt sich dabei nicht um das Symbol der Demokratie. „Das Foto von mir mit dem Reichstag im Hintergrund ist schon Standard“, sagt der Hausherr. Am raumhohen Ostfenster mit Blick über die parlamentarische Kuppel stehe er in Wahrheit nie. Sein Fenster, das an der Nordseite, lenkt den Blick auf eine Baustelle Berlins: das noch unfertige Gelände um den Hauptbahnhof.

So präsentiert sich Thomas de Maizière, Chef des Kanzleramts, Jesuitenschüler, Offizierssohn, dem Zuverlässigkeit, Loyalität und Fürsorgepflicht erstgenannte Werte sind: ein Jünger der protestantischen Arbeitsethik. Kein politischer Träumer. Einer, der sein Werkzeug an den Baustellen der Republik ansetzt. Einen „Handwerksmeister der Regierungskunst“ nennt er sich, „erster Offizier“ der großen Koalition. „Und gleichzeitig bin ich für die Kanzlerin eine Art erster Gehilfe.“

Das ist zwar bloßes Understatement, doch hat der Unionspolitiker, der mehrfach Ministerien und Staatskanzleien auf Länderebene geleitet hat, hier im Kubus, dem Würfel inmitten des Gebäudes, eine Funktion, die viel Disziplin erfordert und wenig Eitelkeiten zulässt: die Regierungsmaschine möglichst reibungslos am Laufen zu halten. Mindestlohn, Kinderbetreuung, Jugendkriminalität – in der großen Koalition wird seit Monaten gestritten. Um dennoch Ergebnisse vorweisen zu können, ist Diplomatie gefragt. Die muss zum Beispiel der Kanzleramtsminister des schwarz-roten Bündnisses mitbringen. Und Durchsetzungsvermögen, zuweilen auch gegenüber Ministerkollegen, die eine Kabinettseinigung blockieren. Wer ins Büro hinter Vorzimmer 7.108 einbestellt wird, ins Arbeitszimmer von de Maizière, weiß: Dies ist die letzte Warnstufe vor dem Rapport bei der Kanzlerin. Mit verstockten Staatssekretären redet man einen Stock tiefer, in der „Kleinen Lage“.

Im kleinen Kabinettssaal im sechsten Stock bereitet der Hausherr montagnachmittags mit den Staatssekretären die wöchentliche Kabinettssitzung vor, zu der sich dann, gleich gegenüber im großen Kabinettssaal, die Ministerriege versammelt. Ins Kabinett kommt nur, was Konsens ist. Konsens ist harte Arbeit, Arbeit für den Kanzleramtsminister.

Am Morgen stürmt de Maizière – Langsamkeit sei nicht sein Stil, sagen die Mitarbeiter – die gut 70 Schritte durch die Skylobby zur Büroflucht von Angela Merkel. Die Bundeskanzlerin will so gut wie möglich auf ihre Termine und die Anforderungen des Tages vorbereitet werden. Meist aber treffen sich Regierungschefin und Kanzleramtsminister in einem anderen, einem kleinen, kargen Raum auf der Etage. Schon kurz vor acht Uhr sitzt Merkel dort an der Kante, die die beiden Tischhälften verbindet, und bespricht im engsten Kreis, was anliegt. „So, dass man am besten im Lauf des Tages gar nichts mehr besprechen muss.“ Was an Fragen bleibt zwischen ihr und ihrem ersten Minister, wird per SMS geklärt.

Der Konferenzraum im Lagezentrum im vierten Stock: Hier dominiert Technik die Buchenholzästhetik. Der Raum prägt de Maizières Job auf eine spezielle Art, hier findet dienstags die nachrichtendienstliche Lage statt. Was die Sicherheit der Republik und der Deutschen in der Welt betrifft, wird in diesem Saal mit dem Kanzleramtsminister besprochen. „Ja, dieser Teil ist spannend“, sagt der Hausherr ein wenig zögerlich. Denn dort hat er es „mit Dingen zu tun, die nicht immer angenehm sind“. Im Lagezentrum geht es um Staatsgeheimnisse.

Das ist de Maizière in seinem Job also: Organisator der Regierungsarbeit, „Blitzableiter der großen Koalition“, doch vor allem Träger der Geheimnisse dieser Regierung. An den Gefahren für die innere und äußere Sicherheit ist er näher als die Kanzlerin selbst. Er analysiert die heikelsten Sicherheitsfragen in der Präsidentenrunde mit den Spitzen der Sicherheitsbehörden. Bei ihm laufen die Fäden der Regierung zusammen.

Seine Position ist eine der wichtigsten in der deutschen Politik. Er ist der Mann auf der Brücke, ein Lotse, der die schwierigen Fragen für die Kanzlerin aufbereitet, zu jedem Thema. „Ich habe meine Schulzeit allein mit dem Kurzzeitgedächtnis bestritten“, behauptet de Maizière. Gemeint ist, was selbst Kritiker an ihm schätzen, eigentlich das Anforderungsprofil für den Hausherrn im Kanzleramt: eine schnelle Auffassungsgabe, ein gutes Gespür für Schwachstellen. Er ist der Mann für alle Fälle. Ein Spezialist wäre wahrscheinlich falsch an diesem Platz. Barbara Junge

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