Berlin : Gesichter eines Stadtteils

Hans W. Korfmann gibt die Kreuzberger Chronik heraus, eine Kiezzeitung mit Anspruch. Das Beste aus dem Blatt ist nun als Buch erschienen

Marc Neller

Hans W. Korfmann ist niemand, der sich lange mit Anfängen aufhält. Nicht als Autor. „Ich verbringe nicht Stunden damit, mir einen grandiosen ersten Satz auszudenken.“ Nicht als Mensch. „Wenn etwas Wichtiges beginnt, merkt man das doch meistens erst im Nachhinein. Wenn man mitten in einer Geschichte, einer Entwicklung steckt.“

Hans W. Korfmann, Kreuzberger, freier Journalist, hat ein Buch veröffentlicht: einen Band mit bemerkenswerten Porträts von 15 Kreuzbergern, die außerhalb ihres Kiezes keiner kennt. „Kreuzberger“ ist eine Best-of-Sammlung jener Porträts, die Korfmann schon in seiner „Kreuzberger Chronik“ veröffentlicht hat. Dies ist eine Kiezzeitung mit gehaltvollen Texten in ansprechender Aufmachung. Seit 1998 gibt Korfmann sie heraus, die meisten Texte schreibt er selbst, manche unter Pseudonym. Die Porträts sind die Hauptstücke.

Dass Korfmann jetzt, mit 48 Jahren, Buchautor wurde, erscheint im Nachhinein folgerichtig. Dass er es auf Umwegen wurde auch. „Ich bin keiner, der den geraden Weg bevorzugt. Man verpasst zu viel“, sagt er. Eine Variante dieser Lebenshaltung – Betrachtung vor Geschwindigkeit – findet sich in fast allen Texten wieder, die Korfmann seit Mitte der 90er für Zeitungen geschrieben hat und gelegentlich noch schreibt: in den Reisereportagen, den Feuilletons, den Porträts. Sozialkritischer Ansatz. Meist kreisen die Texte um das Unscheinbare, Nahe, Alltägliche.

Da ist zum Beispiel der Obdachlose, der unter der U-Bahnbrücke am Kottbusser Tor wohnt und Umgangsformen und eine Ordnungsliebe an den Tag legt, die verblüffen. Oder der Chauffeur, der seit gut zwei Jahrzehnten Berliner Bürgermeister durch die Stadt fährt, loyal und diskret, auch wenn ihm die Welt seiner Dienstherren oft genug unbegreiflich verstellt erscheint. Es ist nicht so, dass es in Kreuzberg an Prominenten fehlte. „Aber die interessieren mich nicht sonderlich“, sagt Korfmann. Für seine Arbeit hat er sich eine schlichte, günstige Wohnung am Kottbusser Damm gemietet. Karg das Arbeitszimmer: Schreibtisch, kleines Bücherregal, ein runder Tisch, zwei Stühle. Auf dem Tisch – wichtig: ein Aschenbecher.

Das alles würde zum Klischee eines Schriftstellers passen. Korfmann wollte ja auch mal einer werden. Nach dem Abitur reiste er mit ein paar Freunden nach Kreta. „Wir wollten dort ein paar Wochen oder ein paar Monate leben wie in einer Künstlerkolonie.“ Für ihn wurden zehn Jahre daraus. Geschrieben hat er wenig in dieser Zeit, aber den Wunsch Literat zu sein nahm er mit nach Deutschland zurück. Journalismus? Kam nicht in Frage. „Zu wenig Raum für Fantasie, zu viel Wirklichkeit“, befand er. Irgendwann aber las er in der Zeitung von einem Gerichtsprozess, linksautonome Türken hatten einen Rechtsradikalen attackiert. Korfmann verfolgte den Prozess, da faszinierte ihn das Spektrum der Wirklichkeit. „Ich musste darüber schreiben.“ Seit die Reportage in der Wochenzeitung „Freitag“ erschien, gibt es den Journalisten Korfmann.

Auch die „Kreuzberger Chronik“ war nicht Teil eines großen Plans: Korfmann brauchte Geld. Inzwischen lebt er von seiner Zeitung. Selbstverständlich ist das nicht, wenn man vor allem auf Werbekunden angewiesen ist, die ihren Laden oder ihre Firma um die Ecke haben – aber das ist derzeit nur eine Seite. Die andere: Korfmann hat zwar keinen Roman veröffentlicht, aber, immerhin, eine Art Kurzgeschichten-Sammlung. Und die macht aus dem Journalisten Hans W. Korfmann doch fast schon einen Schriftsteller.

Hans W. Korfmann: Kreuzberger. 15 Porträts. Verlag an der Spree, 9,80 Euro.

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