Berlin : Gesittet massakriert

Mozarts „Entführung“ an der Komischen Oper

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Nein, der befürchtete und durch die Vorberichterstattung der Boulevardpresse provozierte Skandal an der Komischen Oper ist ausgeblieben. Es flogen weder faule Eier noch überreife Tomaten, als gestern Abend um kurz vor halb zehn der Schlussakkord zu Mozarts „Entführung aus dem Serail“ erklang. Statt dessen: Jubel, Beifall, Ovationen für reichlich musikalisches Mozartglück. Allen voran die mit winzigkleinen Abstrichen großartigen, fabelhaft beherzten Solisten (Maria Bengtsson als Konstanze, Natalie Karl als Blonde, Finnur Bjarnason als Belmonte, Christoph Späth als Pedrillo, Jens Larsen als Osmin und Guntbert Warns als Bassa Selim), die sich darstellerisch in einer Weise verausgabten, wie man es bei Opernsängern – leider – nur selten erlebt. Und auch der musikalische Chef des Hauses an der Behrenstraße, Kirill Petrenko, wurde mit Chor und Orchester für ein ebenso farbiges wie lebendiges, ja sehniges MozartDirigat vom Publikum belohnt.

Wütende Buh-Salven dagegen, wie zu erwarten, für das Regie-Team, für Regisseur Calixto Bieito, seinen Bühnenbildner Alfons Flores und die Kostümbildnerin Anna Eiermann, die Mozarts Singspiel zweieinviertel pausenlose, höchst intensive und teilweise drastisch-schockierende Stunden lang ins Rotlichtmilieu verlegten. Aber solche Buhs gab es eben wirklich nur am Ende. Während der Vorstellung blieb es im Saal über weite Strecken geradezu gespenstisch ruhig – als hätten sich viele von vorneherein abschrecken lassen, oder als wäre die Luft aus dem Skandal ein bisschen raus. Ein paar ältere Herrschaften zogen es zwar vor, zu gehen, nachdem Osmin eine Hure bei lebendigem Leib und auf offener Bühne massakrierte – aber sie taten es still, fast gesittet. Ein paar Zwischenrufe gab es auch, als wiederum Osmin dem Pedrillo zur „Vivat Bachus!“-Arie (sehr realistisch) ins Knie schießt, doch selbst die hielten sich zahm im Rahmen, reichten von „Schmiere!“ über „Schickt den Regisseur nach Hause!“ bis hin zu dem schönen Satz einer einzelnen Dame: „Eine Schande für die kulturelle Entwicklung in diesem Land!“ Auch die einschlägige Berliner Politprominenz (Christina Weiss, Walter Momper u.v.a.) hielt tapfer durch bis zum Schluss. Enttäuscht? Nein, nur der wahre Skandal wird bei Mozart zu suchen sein (Kritik folgt). Le.

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