Berlin : "Gespielt wurde hier noch nie" - Autofahrer ignorieren Geschwindigkeitsbegrenzung

Silke Derkum

Zwei blaue Verkehrsschilder mit spielenden Kindern zieren den Beginn des idyllischen Heckmannufers in Kreuzberg. Und für Autofahrer, welche die Bedeutung dieser Schilder im Moment des Einbiegens in die kleine Straße nicht sofort parat haben, erklärt das weiße Schild direkt dahinter noch einmal eindringlich "Verkehrsberuhigter Bereich - Schrittgeschwindigkeit". Ein höheres Tempo scheint in der schmalen Uferstraße, die rechts und links von Bäumen und parkenden Autos gesäumt ist, gar nicht möglich zu sein. Trotzdem wurde hier im März ein Autofahrer von der Polizei mit einer angeblichen Geschwindigkeit von 129 Stundenkilometern erwischt.

"Das Heckmannufer ist die reinste Rennstrecke", bestätigt Anwohnerin Elsa Seefeld, "hier fährt nur langsam, wer an dieser Stelle schonmal geblitzt wurde." Das scheint bei den wenigsten Autofahrern der Fall zu sein. Selbst wenn keiner der vorbeifahrenden Wagen mit Tempo 100 oder mehr die Straße entlangfährt - auch eine Geschwindigkeit von 50 Stundenkilometern bedeutet das Siebenfache des vorgeschriebenen Richtwertes. Schrittgeschwindigkeit wird allgemeinhin mit drei bis sieben Stundenkilometern definiert. Die hält hier niemand ein, denn das Heckmannufer ist eine beliebte Abkürzung zwischen den Ostbezirken und Neukölln. Wer den verstopften Hauptstraßen entkommen will, fährt durch die verkehrsberuhigten Wohngebiete. Besonders zum Leidwesen der vielen jungen Familien, die in der Gegend wohnen.

Die Umwidmung zum verkehrsberuhigten Bereich hat keine Veränderungen erbracht. Außer den beiden Schildern weist nichts auf das Schritttempo hin. Keine Polder oder Verkehrsinseln zwingen die Autofahrer zum langsamen Fahren, kein gepflasterter Straßenbelag erinnert an die verkehrsberuhigte Zone. Die Straßenverkehrsordnung sieht für verkehrsberuhigte Bereiche vor, dass "Fußgänger die Straße in ihrer ganzen Breite benutzen" dürfen und "Kinderspiele überall erlaubt" sind. Wenn nötig müssen Autofahrer sogar warten, um Fußgänger nicht zu gefährden oder zu behindern. Davon ist man am Heckmannufer weit entfernt. Elsa Seefeld musste erst kürzlich ihre Einkaufstasche auf der Straße fallen lassen, um schnell genug vor einem rasenden Fahrzeug auf den Bürgersteig zu flüchten.

Um wenigstens das Verkehrsaufkommen in der Straße einzudämmen, ist das Linkseinbiegen der aus Treptow kommenden Fahrzeuge von der Schlesischen Straße aus verboten worden. Die aufgestellten Schilder halten jedoch nur wenige vom regelwidrigen Linksabbiegen ab. Diejenigen, die sich daran halten, finden wenige Meter weiter ein anderes Nadelöhr. "Nun biegen alle in die nachfolgende Taborstraße ab, in der es vier Kinderläden und eine Grundschule gibt", sagt Marlies Dürr, die mit ihrem Sohn den angrenzenden Spielplatz besucht.

Die Anwohner scheinen vor dem Verkehrsproblem resigniert zu haben. Elsa Seefeld erzählt, dass vor drei Jahren einige junge Eltern Transparente über die Straße gespannt und die Autofahrer angehalten haben. "Mittlerweile sind die alle hier weggezogen." Das Schild, das auf Verkehrsberuhigung hinweist, scheint also nur Fassade zu sein. Elsa Seefeld lacht: "Gespielt wurde auf dieser Straße noch nie."

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