Berlin : Gespielte Katastrophe

Feuerwehr, Polizei und Bundeswehr übten den Ernstfall zur Fußball-WM – an drei Orten der Stadt

Jörn Hasselmann

Am Vormittag sind plötzlich Schreie im Schnee zu hören. „Hilfe!“, ruft einer laut, ein anderer brüllt: „Hierher, hierher!“ Doch die ersten Helfer, die im Stadion Marienfelde eintreffen, wissen gar nicht, wo sie überhaupt anfangen sollen. Überall sind Schreie zu hören, weil im Marienfelder Stadion eine Großbildleinwand zusammengestürzt ist und hunderte Fußballfans unter sich begraben hat. Und während auf der Tribüne ein paar Fans noch immer „Wir wollen Fußball sehen!“ grölen, lösen die Helfer um 11.55 Uhr Katastrophenalarm aus.

Es war nur eine Übung – doch es blieb nicht die einzige an diesem Vormittag in Berlin. Innerhalb von wenigen Minuten war in Karlshorst nach einer Gasexplosion auf einem Firmengelände ein Großfeuer ausgebrochen; im Bahnhof Gesundbrunnen wurden hundert Fahrgäste auf einem Bahnsteig durch eine unbekannte Chemikalie verseucht.

„Triangel“ hieß die Übung – sie war die größte, die jemals in Berlin stattgefunden hat. Drei Monate vor Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft und am zweiten Jahrestag der Anschläge von Madrid wollten die Einsatzkräfte testen, wie man auf Terroranschläge und Katastrophen vorbereitet ist. 2000 Helfer von Feuerwehr, Polizei, Bundeswehr und dem Deutschen Roten Kreuz (DRK) waren im Einsatz. Insgesamt 400 Verletzte mussten versorgt werden. 300 Polizisten sicherten die Orte ab und hielten die unverletzten, aber betrunkenen Fans in Schach, die die Katastrophe nicht erkennen wollten.

Auf der Tribüne in Marienfelde saß Innensenator Ehrhart Körting als Zuschauer und sagte, dass Hooligans und Betrunkene die größten Herausforderungen seien bei der WM und nicht etwa Terroranschläge. Und so eine Leinwand kann auch schlicht durch eine Windböe zum Einsturz gebracht werden.

Statt „Triangel“ hätte die WM-Übung auch „Triage“ heißen können. Dies ist das Prinzip, wie im Katastrophenfall die Opfer am Unglücksort in drei Gruppen sortiert werden. Geholfen wird dort, wo es unter den gegebenen Umständen am meisten Sinn macht: Menschen, die so schwer verletzt sind, dass sie nur mit immensen medizinischen oder personellen Aufwand überleben könnten, hätten im absoluten Ernstfall ebenso das Nachsehen wie leicht Verletzte, so sieht es der Plan vor. Da es eine WM-Übung war, galt bei der Feuerwehr auch der WM-Dienstplan. Zu den 570 Helfern pro Schicht kamen weitere 265 hinzu.

Neun Minuten nach der Alarmierung war der erste Rettungswagen im Stadion, im Minutentakt trafen weitere ein. Die „Schnelle Eingreiftruppe“ des DRK ist erst nach eineinhalb Stunden im Stadion, aufgehalten durch das Verkehrschaos rundherum. Nur wenige schwer Verletzte werden in Krankenhäuser gefahren, nach einer halben Stunde steht das erste Zelt, in dem die leichteren Fälle verarztet werden; Tote werden separat abgelegt. „Wie ein Uhrwerk“ laufe es, meinte schließlich Innensenator Körting auf der Tribüne. Die Auswertung soll Anfang April vorliegen. Dann sei noch genug Zeit bis zur WM. Die beginnt erst am 9. Juni.

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