Berlin : Gespür für Berlin

Ende September erscheint ein neuer Stadtführer für Menschen, die eine Sehbehinderung haben

Eva Kalwa

Die Haut des Krokodils fühlt sich fast warm an, regungslos lässt es sich ins geöffnete Maul fassen. Ebenso wie der Hammerhai, der innen hohl ist und dessen biegsame Zähne aus Gummi bestehen. Styropor knirscht unter den Füßen von Jessica Schröder, als sie sich langsam durch die Kaschierwerkstatt der Deutschen Oper bewegt. Plötzlich trifft ihr Langstock auf Widerstände, dann scheppert es leise: Neben großen Styroporpferden mit Schweifen aus Gitternetz steht eine komplette Ritterrüstung. Vorsichtig streckt die 24-Jährige ihre Hand aus. Das Blech ist glatt und kühl, trotz der aufgeheizten Luft hier oben im vierten Stock.

Sehen kann Schröder die vielen Requisiten für die kommenden Inszenierungen der Oper nicht: Die Studentin ist von Geburt an blind. Doch sie kann sich durch das Ertasten der unterschiedlichen Materialien, ihren verschiedenartigen Klang und manchmal auch durch den Geruch, den Holz, Gummi, Eisen oder Malerfarbe verströmen, ein ganz eigenes, inneres Bild machen. Dabei hilft der Kulturverein Förderband, der im September den ersten akustischen Stadtführer für Sehbehinderte und Blinde in Berlin herausbringt.

Nach Auskunft von Projektleiterin Imke Baumann werden außer der Deutschen Oper die Blechschilder-Fabrik in Neukölln, die Philharmonie, der Modellpark Berlin-Brandenburg in Karlshorst und das Museum der Dinge in Kreuzberg darin verzeichnet sein. Alle Inhalte und Wegbeschreibungen des Stadtführers sind von blinden Menschen ausgewählt und mehrfach getestet, ein Serviceteil gibt zusätzlich Informationen über geeignete Unterkünfte, ebenfalls samt Wegbeschreibungen.

Nicht jeder Sehbehinderte ist in seiner Alltagsbewältigung allerdings so geschult wie Jessica Schröder, die neben ihrem Studium der Sozialarbeit bei der Telefonseelsorge arbeitet und in den nächsten Jahren eine Indienreise plant. Daher stellt der Audiostadtführer mit Sprechertexten, O-Tönen und Interviews nicht nur interessante Orte in Berlin vor, sondern führt den Benutzer von den Haltestellen des öffentlichen Nahverkehrs auch direkt bis zum Ziel. Im Fall der Deutschen Oper hört sich das dann für den Weg von der U-Bahn-Station aus so an: „Der erste Treppenaufgang endet auf einer Zwischenebene. Einige Meter weiter. Rechts entlang. Einige Meter weiter. Links entlang. Etwa 25 Meter weiter. Der zweite Treppenaufgang endet auf dem Fußgängerweg mit Fahrradweg.“

Zur Oper selbst gibt es keine vorgefertigten Infotexte, denn hier führt Dramaturg Carsten Jenß die Besucher zwei Stunden lang persönlich über die Seiten- und Hinterbühne oder ins Opernmagazin mit seinen riesigen Lagerbeständen. Dort, wo der riesige Blätterwald für „Aida“ steht, hängt süßlicher Heugeruch in der Luft. Lange Leitern stehen in den Regalen, für das Auge wirken sie alle identisch. Nur beim Berühren merkt man, dass einige aus Holz, andere aus Eisen sind. „Die Sänger klettern auf die stabilen Leitern, die anderen sind nur Attrappe“, erklärt Jenß. Die Teilnehmer der Führung sind begeistert, erfahren sie hier doch einiges, was der Besucher an einem normalen Opernabend gar nicht mitbekommt. „Zum Beispiel, wie viel Aufwand und Liebe zum Detail hinter jeder Inszenierung steckt“, sagt Jessica Schröder. Und das Schönste daran sei, dass man vieles selbst entdecken könne. Eva Kalwa

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