• GESTERN, HEUTE: Das Märchen vom Babyboom: Der Liebling der Wessis wächst nur langsam

GESTERN, HEUTE : Das Märchen vom Babyboom: Der Liebling der Wessis wächst nur langsam

ZEITREISE

Arkaden oder Arcaden – das bleibt stets die Frage. Für die k-Version entschied man sich 1998 am Potsdamer Platz, beim c blieb es in den 1999 eröffneten Schönhauser Allee Arcaden. Beiden gemeinsam ist, dass die so betitelten Heimstätten der modernen Warenwelt mit den namensstiftenden klassischen Bogengängen wenig gemein haben. An sich lag es nahe, in der Schönhauser Allee, schon vor der Wende eine Einkaufsmeile, genau am Schnittpunkt von Tram, Bus, U- und S-Bahn, ein Einkaufszentrum zu bauen – direkt über dem S-Bahnhof, der dank eines Umbaus von 1962 auch vom Hochbahnhof der U-Bahn bequem zu erreichen ist. Im hinteren Teil des Geländes befand sich vorher ein großer Marktplatz mit Einzelhändlern. Er ist ebenso verschwunden wie der Flachbau rechts, in dem sich eines der wenigen, dafür umso begehrteren Ost-Berliner Fachgeschäfte für Meeresfrüchte befand: „Alles vom Fisch.“ Das historische Foto, aus einer Zeit, als man dort Zebrastreifen für die Fußgänger für ausreichend hielt, entstammt dem Bildband „Berlin-Ost. Das letzte Jahrzehnt“ von Thomas Uhlemann (Sutton Verlag, 127 S., 19,90 Euro).

DIE ERSTEN

Die Mauer öffnete sich 1989 zuerst an der Bornholmer Straße. Das war nur gerecht, galt doch schon zu DDR-Zeiten Prenzlauer Berg als Hort der Unangepassten, alles andere als Stromlinienförmigen. „Berlin Ecke Schönhauser“ hieß kaum zufällig in den fünfziger Jahren ein Ost-Kinohit über eine aufmüpfige Jugendgruppe. Später verband man den alten Bezirk vor allem mit Dichtern, Studenten, Kulturgruppen – noch später mit Oppositionellen, die sich in Zions- und Gethsemanekirche sammelten. Und auch heute geht der Stadtteil politisch eigene Wege: Bei der Abgeordnetenhauswahl 2006 gewannen in zwei von vier Wahlbezirken Grünen-Politiker. Damit bekamen erstmals im Ostteil der Stadt die Bündnisgrünen ein Direktmandat.

DIE SPORTLICHEN

Sport ist Mord – das gilt nicht für Prenzlauer Berg. International wichtige Wettkampfstätten sind hier zu Hause. Im Velodrom fanden 1999 die Bahnweltmeisterschaften im Radsport statt. Nebenan liegt die Schwimm- und Sprunghalle im Europapark. Beide Gebäude wurden für die Olympiabewerbung 2000 gebaut. Weichen musste dafür die Werner-Seelenbinder-Halle, in der viele SED-Parteitage stattfanden. Das Basketball-Team von Alba hat in der MaxSchmeling-Halle seine Heimat. Fußball-Bundesligist Hertha BSC hat in Prenzlauer Berg seine Wurzeln: 1892 wurde der Verein in der Kastanienallee gegründet.

DAS GERÜCHT

Wer sagt, im Prenzlauer Berg gebe es massenhaften Zuzug? Zumindest mit Zahlen lässt sich das nicht belegen. Bevölkerungsaustausch trifft es schon eher: Alteingesessene gehen, vor allem junge Familien und besser verdienende Singles kommen. Der Ortsteil des Reformbezirks Pankow wuchs von 1991 bis 2006 nur um 879 Bewohner. Drastischer ist der Verlust, den er seit 1961 hinnehmen musste. Damals wohnten hier fast 207 000 Menschen, heute sind es knapp 145 000. Aus maroden Häusern wurden sanierte Vorzeigeobjekte. Falkplatz und Helmholtzplatz wurden 1999 in das Quartiersmanagementverfahren eingebunden. Die Maßnahme wirkte. Selbst Stars wie Heike Makatsch oder Daniel Brühl entdeckten Prenzlauer Berg für sich. Und wieder spielte dort ein Kinohit: „Sommer vorm Balkon“.

LITERATUR

Die Mauer war weg, und Robert Liebling, Rechtsanwalt, machte sich gen Osten auf: Aus „Liebling Kreuzberg“ wurde zeitweise „Liebling Prenzlauer Berg“. Ulrich Plenzdorf ersann diese Folgen der TV-Serie, formte daraus auch Bücher – schade, es gibt sie nur noch antiquarisch. Über diese Quelle kann man auch Daniela Dahns „Prenzlauer Berg-Tour“ von 1987 beziehen – und sie mit der bei Rowohlt 2001 erschienenen Wiederauflage vergleichen. Auf die Gegend um den Helmholtzplatz konzentrieren sich die Autoren in dem Band „Prenzlauer Berg im Wandel der Geschichte“ (hrsg. von Bernt Roder und Bettina Tacke, be.bra Verlag), die Perspektive reicht von den Hinterhöfen der Kaiserzeit bis zur Mahnwache in der Gethsemanekirche im Oktober 1989 und den baulichen Veränderungen der Nachwendezeit. Vor allem Zeitzeugen kommen in „Berlin Prenzlauer Berg – Alltag und Geschichte 1920 – 1970“ von Jan Jansen zu Wort (Sutton Verlag). ac / mj

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