GESTERN, HEUTE : Der Rock verhallte, die Bildende Kunst blieb

ZEITREISE



Es ist lange her, dass die einsame Litfaßsäule an der Rennbahnstraße, im stillgelegten Eingangsbereich der früheren Radrennbahn, beklebt wurde. Die letzten Plakate stammen aus den späten Neunzigern, damals wurde der Rundkurs abgetragen. Möglich, dass man beim vorsichtigen Lösen der brüchigen Papiere bis zu den Achtzigern vordränge, zum 19. Juli 1988 womöglich, dem Tag, an dem „der Boss“ in Weißensee war. Auf dem Gelände neben der Rennbahn sind manche Rockstars aufgetreten, James Brown und Joe Cocker vor der Wende, die Stones kurz danach. Aber der Höhepunkt war Bruce Springsteen vor 200 000 Fans, eine der wenigen Gelegenheiten in der DDR, ohne Probleme mit dem Sternenbanner zu wedeln. Ein solches Rockfest ist auf dem Gelände heute nur noch schwer vorstellbar. Teils liegt es brach, ist zugewuchert, teils wurden neue Sportanlagen für Vereine geschaffen, sogar Baseballspieler sind darunter. Auch die bezirkliche Verkehrsschule kam dort unter, dazu eine „Tobewelt“ für Kinder und ein privates Center für Tennis und anderen Hallensport, ziemlich genau da, wo einst Springsteen auf der Bühne stand.

REIN SYMBOLISCH

Das gruseligste Bezirkswappen Berlins war jenes von Weißensee. Die wichtigsten Details waren ein rotes Richtrad sowie ein Richtschwert mit blauer Klinge. Das weist auf die heilige Katharina hin, Schutzpatronin einer Kirche im Dorf Wittenze, dem Keim Weißensees. Die fromme Frau fand ein trauriges Ende: Sie wurde gerädert und enthauptet. Den Weißenseern fiel es nicht leicht, sich mit solch einem Wappen zu identifizieren, aber das Problem ist mit der Bezirksreform erledigt – restlos. Denn jetzt gibt es gar kein offizielles Symbol mehr. Erst in diesen Wochen ist in Pankow der Wettbewerb für ein Gesamtwappen Prenzlauer Berg, Pankow, Weißensee angelaufen. Alte Folterwerkzeuge haben keine Chance.



KUNSTFERTIG

An Künstler, die solch ein Wappen entwerfen könnten, herrscht gerade in Weißensee kein Mangel. 1946 wurde dort die „Kunstschule des Nordens“ gegründet, die schon bald als Hochschule anerkannt wurde und in dem niederländischen Architekten und Designer Mart Stam einen international renommierten Rektor fand. Die Kunsthochschule Berlin-Weißensee, wie sie mittlerweile heißt, hat die Wende mit Bravour überstanden und ist durch höhere Studentenzahlen und neue Professuren kräftig ausgebaut worden. Das strahlt aus: Im Altbezirk haben sich viele kleinere Ateliers niedergelassen.

WACHSTUM AM SEE

Kein anderer Altbezirk hat seit der Wende so viele Zuzügler zu verzeichnen wie Weißensee. Waren es laut erstem Melderegister für Ost-Berlin von 1991 knapp 52 000 Bewohner, so wurden im Juni 2007 fast 76 400 verzeichnet. Die gut gemischte Altersstruktur blieb erhalten; die Zahl der über 60-Jährigen stieg leicht auf 23,8 Prozent, die der unter 18-Jährigen sank um nur zwei auf 14,6 Prozent.

DAS NEUE VIERTEL

Das Viertel Karow-Nord ist eines der größten Wohnungsbauprojekte nach 1989. Nördlich des alten Dorfkerns entstanden auf den Rieselfeldern und Ackerflächen kleine Häuschen, ausgelegt auf rund 5000 Wohnungen, dazu neue Einkaufszentren und Kindergärten. Der erste Spatenstich des Milliarden-Euro-Projekts fand im Frühherbst 1994 statt, die ersten Mieter zogen Ende 1995 ein.

LITERATUR

Hunderennen in der DDR? Die waren nicht gerade Nationalsport, aber doch, es hat sie gegeben, hin und wieder beispielsweise auf der Radrennbahn Weißensee – eine beiläufige Erkenntnis beim Durchblättern des historischen Bildbandes „Berlin-Weißensee“, von Joachim Bennewitz zusammengestellt und im Erfurter Sutton-Verlag erschienen. Auch den Beitrag Weißensees zur deutschen Filmgeschichte kennen nur noch wenige. Und dabei wurden dort Filme wie „Das Cabinet des Dr. Caligari“ gedreht – nachzulesen in dem beschaulich gehaltenen Buch „Spaziergänge in Weißensee“ von Walter Püschel (Haude & Spener). In Weißensee liegt auch der größte jüdische Friedhof Europas, Ruhestätte für Berühmtheiten wie Samuel Fischer, Lesser Ury, Berthold Kempinski oder Rudolf Mosse. „Ein Berliner Kulturdenkmal von Weltgeltung“ heißt es denn auch im Untertitel des bei Hentrich & Hentrich erschienenen Buches „Der Jüdische Friedhof Berlin-Weißensee“ von Alfred Etzold. ac

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