Gestern, heute : Stark im Nachwuchs: junge Leute, junge Industrie

ANSICHTEN

Der Strausberger Platz hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Im Mittelalter lag ganz in der Nähe der Richtplatz, wo 1540 der Händler Hans Kohlhase, Vorbild zu Kleists Michael Kohlhaas, sein Leben ließ. Am 18. März 1848 blockierte hier eine Barrikade die Große Frankfurter Straße, wie die Karl-Marx-Allee damals hieß – eine Gedenktafel erinnert daran. Am 17. Juni 1953 war eine Baustelle am Platz einer der Orte, an denen sich der Aufstand entzündete. Später donnerten immer am 7. Oktober die NVA-Panzer über die Prachtstraße, zur Feier der DDR-Staatsgründung. All dies ist heute kaum mehr vorstellbar, schon das Bild eines Spätsommertages 1969 mit Café-Gästen und Promenierenden will zu den dramatischen historischen Erinnerungen kaum passen. Gegen Ende der DDR sahen die Prunkbauten an der ehemaligen Stalinallee dann allerdings recht mitgenommen aus, die Fassaden bröckelten, die Läden im Erdgeschoss drohten zu veröden. Auch dies ist Vergangenheit. Die gefliesten Häuserfronten sind weitgehend repariert, die Läden vermietet, größere Veränderungen nicht zu erwarten: Der sozialistische Prunk steht unter Denkmalschutz.

ER WÄCHST UND WÄCHST

Der Reformbezirk Friedrichshain- Kreuzberg hat sich zum Babyboom-Bezirk entwickelt. Gemessen an den Geburten je tausend Einwohner liegt er schon seit Jahren auf Platz eins. Bis Anfang November verzeichnete das Standesamt im laufenden Jahr 2796 Geburten. Schon jetzt deckt die Zahl der Schulplätze im Altbezirk gerade noch den Bedarf. Vor allem die Grundschulen rechnen in den nächsten Jahren mit mehr Schülern. Die Einwohnerzahl Friedrichshains steigt: Das Statistische Landesamt Berlin gibt 112 000 Menschen zum 30. Juni 2007 an (1995: 103 862, 2004: 105 295). Nach wie vor ist der Ortsteil von der Altersstruktur her der jüngste Berlins. Zwei von vier seiner Regionen weisen einen Altersdurchschnitt von 33,5 beziehungsweise 33,7 Jahren auf. Zwischen 1995 und Ende 2004 stieg die Zahl der Bevölkerungsgruppe zwischen 20 und 45 Jahre am stärksten, die der Einwohner ab 60 Jahre sank. Die Zahl der Friedrichshainer unter 18 Jahren liegt trotz allem unter der kurz nach der Wende. Derzeit sind laut Statistik 11 Prozent der Friedrichshainer Bevölkerung Kinder und Jugendliche (1991: 18,7 Prozent).

GROSS IN MODE

Friedrichshain ist kein klassischer Industriestandort mehr. Mit der Wende brachen etwa 20 000 industrielle Arbeitsplätze weg, sagt Peter Hilleker, Leiter der Wirtschaftsförderung. Mode war und bleibt ein bedeutender Faktor. In der Grünberger Straße produzierte beispielsweise zu DDR-Zeiten der Betrieb Berliner Damenmoden (BeDaMo). Heute haben diverse große Modelabels wie Mustang oder Boss in Friedrichshain ihre Showrooms.



AM WASSER GEBAUT

Vor allem entlang der Spree tut sich etwas. Nach der Wende war die Friedrichshainer Uferseite hauptsächlich eine Brachfläche. Mitte der neunziger Jahre kamen dann die ersten Investoren. Fertiggestellte Projekte sind unter anderem das MTV-Gebäude am Osthafen, die Oberbaum-City mit dem BASF-Tower und das Energieforum am Stralauer Platz. Von den kommenden Projekten ist die O2-Arena, die 2008 fertiggestellt sein soll, das bekannteste. Das Regionalmanagement Mediaspree zählt insgesamt zwölf Zwischennutzer, etwa die Bar 25, die sich auf dem noch nicht verbauten Platz niedergelassen haben.

LITERATUR

Eine Lufthansasäule 1957 auf dem Strausberger Platz? Warum nicht, schließlich hatte die zwei Jahre zuvor gegründete „Deutsche Lufthansa der DDR“ dort ein Verkaufsbüro. Allerdings wurde die Gesellschaft 1963 angesichts der drohenden Niederlage im Rechtsstreit mit der früher gegründeten West-Lufthansa liquidiert und ging in der Interflug auf. Ein fast vergessenes Kapitel der DDR-Luftfahrtgeschichte, in Erinnerung gerufen durch ein Foto der längst weg geräumten Säule – aus dem historischen Bildband „Berlin-Friedrichshain“ von Ralf Schmiedecke (Sutton-Verlag, Erfurt). Der Strausberger Platz wird auch in dem Band „Karl-Marx-Allee & Frankfurter Allee“ behandelt, erschienen in dem auf Architekturführer spezialisierten Berliner Stadtwandel-Verlag. Dort gibt es zudem den Band „FriedrichshainKreuzberg / Neues Bauen seit den Neunzigern“. Haude & Spener hat ein „Berliner Bezirkslexikon: Friedrichshain-Kreuzberg“ herausgebracht. ac / mj

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