• Gestern trafen sich die Grünen am Ehrengrab in Dahlem, Diepgen ließ schon vor zwei Wochen einen Kranz niederlegen

Berlin : Gestern trafen sich die Grünen am Ehrengrab in Dahlem, Diepgen ließ schon vor zwei Wochen einen Kranz niederlegen

Thomas Loy

Eine schwarz-rot-goldene Kranzbinde mit der Widmung des "Regierenden Bürgermeisters von Berlin" liegt auf dem Geflecht aus Tannenzweigen und Blumen, ganz nah am naturbelassenen Grabstein des Dr. phil. Rudi Dutschke. So nah waren sich Eberhard Diepgen und der am 24. Dezember 1997 gestorbene Apo-Führer und Mitbegründer der Grünen wohl noch nie.

Die Würdigung als Ehrengrab, im August 1999 gegen die CDU vom Abgeordnetenhaus beschlossen, hätte Rudi Dutschke gewiss nicht gewollt, sagt seine Witwe Gretchen Dutschke-Klotz und fügt mit einem entwaffnenden Lächeln hinzu: "aber er lebt ja nicht mehr". Der innenpolitische Sprecher der Berliner Grünen, Wolfgang Wieland, erklärt es anders: "Das Ehrengrab ist ein Zeichen der Wiedergutmachung der Stadt an Rudi Dutschke." Gestern machten ehemalige Mitkämpfer und Spätergeborene von den Grünen sowie die engere Familie ihre Aufwartung zum 20. Todestag - wegen der Weihnachtsferien mit einigen Tagen Verspätung - am Dutschke-Grab auf dem kleinen Dahlemer Friedhof St. Annen.

Der Senat hatte bereits am 24. Dezember einen Kranz niederlegen lassen, rein protokollarisch ohne größeres Brimborium. So sei das auch üblich, verlautete aus der Staatskanzlei. Dennoch ist das festlich geschmückte Grab für die Grünen eine späte Anerkennung ihrer historischen Leistung, wie Wolfgang Wieland in seiner Ansprache durchblicken ließ.

Rudi Dutschke habe 1968 fast den Status eines Popstars erlangt, sagte Wieland. An den Posterwänden linker Wohngemeinschaften habe er neben Che Guevara gehangen, auch wenn er selbst als Person nicht in Erscheinung treten wollte. Ein "Gewaltapostel", wie das konservative Establishment ihn gesehen habe, sei er für die Grünen nie gewesen.

Der Bundestagsabgeordnete Christian Ströbele erinnerte sich an gemeinsame Demo-Tage sowie Gründungs-Versuche für die linke Tageszeitung "taz" und räumte mit einigen Dutschke-Klischees auf. Er sei keineswegs ein dogmatischer Revolutionär gewesen, sondern ein autonomer Denker. "Er war sehr interessiert an der Macht." Wäre er heute ein Fundi oder ein Realo? Hätte er den Kosovo-Krieg befürwortet oder abgelehnt? Solche visionären Fragen hemmungsloser Nachwuchs-Reporter gingen den alten Kämpen denn doch zu weit. "Er wäre dafür gewesen, Teile der Utopie zu realisieren, ohne die Utopie aufzugeben", dichtete der grüne Außenexperte Phil Hill ins Mikrofon. "Er würde zumindest nicht wie Joschka mit Smoking und Fliege zum Bundespresseball gehen", stellte Wieland trocken fest.

Private Erinnerungen waren den Anwesenden kaum zu entlocken. "Zwischenmenschliche Beziehungen wurden damals ja auch nach politischer Überzeugung definiert", erkannte Ströbele, und für Witwe Gretchen, die heute in Boston Theologie studiert, ist das alles "schon so lange her". Rudi Dutschke habe zwischen seiner politischen Einstellung und der bürgerlichen Familiengründung - aus der Ehe gingen drei Kinder hervor - keinen Widerspruch gesehen. Wieland zitierte ein Biermann-Gedicht über Dutschke: "Sanft war er, ein bisschen zu sanft, wie alle echten Radikalen."

Nach der Kranzniederlegung referierte sein ehemaliger Mitbewohner, Jürgen Treulieb, heute Mitarbeiter der grünen Bundestagsfraktion, zum Phänomen Dutschke. Weder die DDR, aus der er kurz vor dem Mauerbau floh, noch die Bundesrepublik Deutschland hätten auch nur ansatzweise seiner Idee von einer repressionsfreien, menschenwürdigen Gesellschaft entsprochen.

Im Gegensatz zum grünen Mainstream hätte Rudi Dutschke die Wiedervereinigung angenommen und an deren Ausgestaltung mitgewirkt, sagte Treulieb. Der ehemalige Studentenführer wäre heute ein aktiver grüner Politiker - darin waren sich alle einig: "Rudi fehlt uns."Im Haus der Kulturen der Welt findet am 21. und 22. Januar eine Konferenz zu Rudi Dutschke statt. Weiteres unter Tel. 28534241.

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