• Gestern trafen sich Schausteller vom Festplatz mit ihrem neuen Zirkus-Pfarrer zu einer Andacht im Vergnügungszelt

Berlin : Gestern trafen sich Schausteller vom Festplatz mit ihrem neuen Zirkus-Pfarrer zu einer Andacht im Vergnügungszelt

Lothar Heinke

Vormittags döst der Lunapark. Die Wilde Maus lässt ihre Ohren hängen, im Magic House ruht still der Zauberstab, die Achterbahn steht still, nicht eine der 15 000 Lampen vom 45 Meter hohen, "größten Riesenrad mit offenen, drehbaren Gondeln" blinkt zum "Schlaraffenland" hinüber. Erst in ein paar Stunden kommt Bewegung in den Festplatz am Kurt-Schumacher-Damm, ab Zwei heißt es wieder: "Alles dreht sich, alles bewegt sich". Aber jetzt, um Elf?

Der Wirt im Festzelt stellt jedem einen Kaffee hin, Schausteller kommen, klopfen zur Begrüßung auf die langen Holztische. Hier kennen sich alle. Nur einer ist neu. Er ist 40 Jahre alt, heißt Martin Heinke (ist mit dem Berichterstatter weder verwandt noch verschwägert) und möchte an diesem Freitag die kleine Antonia Heitmann taufen. Das zweieinhalbjährige Rummelkind soll wissen, dass seine Wiege zwischen Karussells und Schaubuden steht. Für diesen Fall ist der "Pfarrer in der Circus- und Schaustellerseelsorge der Evangelischen Kirche in Deutschland, Region Ost", wie es offiziell heißt, zuständig. Der Mann kommt extra aus Jena. Bedächtig bereitet er seine Amtshandlung vor: In einer bizarren Kulisse aus Wild-West-Romantik mit einem filmreif gestylten, sehr plastischen Plastik-Polizisten steht ein kleiner Altar mit frischen Blumen und zwei Lichtern neben einem Kreuz. Kirchlicher Zuspruch kann auch unter den Augen von Cowgirls gedeihen, nur, leider, ist Klein-Antonia, die Hauptperson, aus gesundheitlichen Gründen abwesend: Sie musste plötzlich mit einer Darmgeschichte ins Krankenhaus, "und so wünschen wir ihr Gesundheit und Gottes Segen", sagt der Pfarrer. Pfiffig macht er aus der ins Wasser gefallenen Taufe eine kleine Andacht, zwei Dutzend Schausteller singen "Bewahre uns Gott", beten um die Hilfe des Herrn und um Zuspruch für diesen etwas abgelegenen Rummel-Platz - für die liebe Schausteller-Gemeinde findet der Seelsorger den rechten Ton, nicht nur auf seiner Gitarre.

Das mag an seiner inneren Beziehung zum fahrenden Volke liegen - der junge Pfarrer aus dem kleinen Städtchen Nohra bei Weimar war mit 14 Jahren "aus Begeisterung" mit dem allseits bekannten "Cicus Hein", dem einzigen Privatzirkus der DDR, durchs Land gezogen, hatte sich einmal sogar, als die Bären zu früh von der Vorstellung kamen, im Bärenstall eingeschlossen (um ihn in Ruhe sauber zu machen). Dieser Ausflug ins Zirkusleben war so prägend, dass sich der Pastor a) einen Esel anschaffte und b) jetzt spontan auf die Ausschreibung einer Zirkusselsorger-Stelle reagierte.

In Deutschland gibt es noch zwei Kollegen im Talar, die zwischen Zirkuszelt und Achterbahn arbeiten. Martin Heinke ist für Berlin und Ostdeutschland zuständig, ein riesiges Areal, "da ist man ständig auf Achse, aber das liebe ich ja". Der überwiegende Teil der Zirkusleute und Schausteller nehme die Angebote der Kirche an - Taufe, Konfirmation, Trauung, Beerdigung. Sie alle haben eine besondere Beziehung zum lieben Gott. Die Familientradition besteht fort und mit ihr die Glaubenstradition einer geschlossenen Gesellschaft, der das Miteinander irgendwie heilig ist.

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