Berlin : Gesucht: ein neuer Polizeipräsident für Berlin

Otto Diederichs

Seit Anfang Oktober führt Polizeivize Gerd Neubeck kommissarisch die Amtsgeschäfte der Berliner Polizei. Dass Polizeipräsident Hagen Saberschinsky gar nicht mehr in der Stadt war, hat niemand gemerkt. Seinen Urlaub unterbrach er Mitte letzter Woche nur, um sich öffentlich aus seinem Amt verabschieden zu lassen. Da war die Ära Saberschinsky allerdings schon seit vier Tagen auch hochoffiziell zu Ende. "Polizeipräsidentin/Polizeipräsident in Berlin" gesucht, war im Stellenmarkt der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 20. Oktober zu lesen: "Besetzbar: sofort".

Nun wird also bundesweit nach einem Nachfolger für Saberschinsky gesucht. Zwei Namen werden dabei bereits seit längerem gehandelt: der seines bisherigen Stellvertreters Gerd Neubeck und der von Udo Hansen, zur Zeit Chef des Bundesgrenzschutzpräsidiums Ost. Chancen hat dieser in der gegenwärtigen politischen Lage jedoch nicht mehr. Hansen, der 1999 aus Frankfurt am Main nach Berlin kam, gilt als Hardliner mit einem "schillernden Werdegang", wie aus Polizeikreisen zu hören ist. In Frankfurt war Hansen seinerzeit durch eine spektakuläre Maßnahme in die Schlagzeilen geraten. Um Fluchtversuche zu verhindern, hatte er die ohnehin stark in der Kritik stehenden Flüchtlingsunterkünfte auf dem Flughafen mit zusätzlichen Zäunen und Stacheldrahtverhauen umgeben lassen.

Sowohl für die PDS wie auch die Grünen in einer möglichen Ampelkoalition ist dieser Mann somit völlig unakzeptabel. Als Favorit für die Amtsnachfolge gilt denn auch Gerd Neubeck. Seit Mitte 2000 ist der frühere Oberstaatsanwalt aus Nürnberg Polizeivize in Berlin. Hier bestand seine zentrale Aufgabe bislang darin, die Verwaltungsreform umzusetzen, die aus der verknöcherten Berliner Polizei ein modernes Dienstleistungsunternehmen machen soll. Als er die ersten Zwischenergebnisse im April des Jahres im Abgeordnetenhaus vorstellte, erhielt er von den Parlamentariern hierfür großes Lob. Innerhalb der Polizei allerdings gelten sie vielfach als "bloße Luftnummern".

Dennoch ist die Kritik an Gerd Neubeck inzwischen auch in der Polizei geringer geworden. Er habe es "versäumt Führungsqualitäten" deutlich zu machen oder sei wie Saberschinsky sein "eigener Sachbearbeiter", solche Töne sind unterdessen seltener zu hören. Doch das kann sich schnell wieder ändern, denn bisher hat Neubeck nur bewiesen, dass er es - anders als Saberschinsky - versteht, grobe Fehler zu vermeiden. Beim Bund Deutscher Kriminalbeamter genießt er Respekt, und auch die Gewerkschaft der Polizei, anfangs eher skeptisch, hat sich erst vor kurzem für ihn als Behördenchef ausgesprochen.

Somit könnte Gerd Neubeck der ideale Kandidat sein, um die, seit Saberschinsky, heftig zerstrittenen Flügel von Schutz- und Kriminalpolizei wieder zusammenzuführen. Eine zurzeit noch unkalkulierbare Hürde allerdings hat auch er noch zu überwinden: die Zusammensetzung des künftigen Berliner Senates. Je nachdem, wie dort die Karten gemischt werden, ist es nicht ausgeschlossen, dass plötzlich noch ein Überraschungskandidat präsentiert wird. Zwar gilt die Stellenausschreibung für drei Wochen, doch eine "Ausschlussfrist ist das nicht", sagt die Sprecherin der Innenverwaltung, Svenja Schröder-Lomb. Im Klartext heißt das, die Frist kann auch verlängert werden. Der gegenwärtige Übergangssenat hält die Tür also bewusst offen.

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