Berlin : Gesucht: Zukunftschancen

Wirtschaftssenator Wolf mit Unternehmern in Stettin: Was bringt die EU-Erweiterung?

Sabine Beikler

Marian Jurczyk ist ein ernster Mann, Mitte 50, graue Haare, Schnauzbart. Anfang der achtziger Jahre gehörte er zu den ersten Streikenden auf der Stettiner Werft. Über 20 Jahre später ist er Stadtpräsident der Hauptstadt Westpommerns, ein paar Kilometer von der deutschen Grenze entfernt gelegen. Am Montagvormittag begrüßt der Stadtpräsident Berlins PDS-Wirtschaftssenator Harald Wolf und eine Delegation mitreisender Unternehmer. Der Stadtpräsident spricht von EU-Osterweiterung, vom „Näherkommen“ und darüber, dass die „wirtschaftliche Elite“ jetzt Kontakt knüpfen könne. Wirtschaftliche Elite? Ein paar Berliner Mittelständler schauen sich grinsend an und raunen: „Ja, wo ist sie denn, die polnische Wirtschaftselite?“

Viele der 22 Unternehmer aus dem Consulting-, dem Technologiebereich, der Bau- und Handelsbranche oder dem Transportwesen wollten auf dieser Exkursion Kontakte knüpfen und waren enttäuscht, dass sie kaum Ansprechpartner auf polnischer Seite hatten. Es lag nicht an der Hauptstadt-Marketinggesellschaft „Partner für Berlin“, die diese Fahrt organisiert hatte, sondern an der kooperierenden Stettiner Wirtschaftskammer: Über 200 Unternehmen seien angeschrieben worden, aber nur ein Dutzend hätten sich angemeldet, hieß es entschuldigend auf polnischer Seite. Dabei schaut die Stadt mit 420 000 Einwohnern erwartungsvoll auf die EU – und auf Berlin.

Berlin und Stettin verbinden historische Traditionen, vor allem die Schienen- und Wasserwege. In diesem Jahr jährt sich das 160. Jubiläum der Bahnverbindung, und einst war die frühere Hansestadt der Seehafen Berlins. Auf den Ausbau des Stettiner Hafens, dessen Werft vor zehn Jahren die fünftgrößte der Welt war, und der Wasserwege setzen auch die Deutsche Binnenreederei AG und die Behala. Beide Logistikunternehmen unterhalten über Töchter oder Frachtunternehmen bereits Kontakte zum Hafen Stettin. „Wir bringen Leercontainer hierher“, sagt Olaf Lauer, der hofft, dass die polnische Seite den Hafen mit einem großen Container-Terminal ausbaut, damit künftig mehr Stückgut wie Großanlagen oder Maschinen transportiert werden können. „25 bis 30 Prozent des Umsatzes erzielen wir heute schon durch den Transport von Schwergütern“, sagt Olaf Rehmann von der Deutschen Binnenreederei. Lauer und Rehmann hoffen, dass das Niederfinower Schiffshebewerk im Rahmen des Verkehrswegeprojektes 17 gebaut und die Oder-Havel-Wasserstraße ausgebaut werden.

Warum deutsche Unternehmer bisher nur zögerlich in Polen Geschäfte machen, liege vor allem an den hohen Waren-Zöllen und der „Rechtsunsicherheit“, sagt Mercedes Hillen, Geschäftsführerin der Ackermann Röhrengroßhandlung und Berliner IHK-Vizepräsidentin. Dies werde sich durch die EU-Erweiterung und ein einheitlicheres Rechtssystem ändern. Harald Wolf, der als Wirtschaftssenator „politisch flankierend“ behilflich sein will, wird in drei Monaten den Stettiner Marschall Zygmunt Meyer, vergleichbar mit einem deutschen Landtagspräsidenten, empfangen. Beide Politiker haben in Stettin vereinbart, die Region Berlin – Stettin für das EU-Grenzregionenprogramm anzumelden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben