Gesund abnehmen - Berliner, die es geschafft haben : Kein leichter Weg

Andreas Hopfer aß an gegen Einsamkeit, Traurigkeit, Misserfolg. Bis er 170 Kilo wog. Dann kehrte er um.

von
Als junger Kerl war Andreas Hopfer schlank, mit dem Frust kamen die Fressattacken. Ein Gruppenprogramm halt ihm weiter. Jetzt kauft er wieder gern Gemüse. Mike Wolff
Als junger Kerl war Andreas Hopfer schlank, mit dem Frust kamen die Fressattacken. Ein Gruppenprogramm halt ihm weiter. Jetzt...Mike Wolff

Als er nicht mehr konnte, als er lieber gestorben wäre als weiterzuleben mit 170 Kilo Körpergewicht, wählte Andreas Hopfer die Nummer seiner Krankenkasse und rief um Hilfe. Er sagte: „Ick bin kurz vorm Platzen.“ Das klang witzig, war aber Verzweiflung, mühsam kaschiert. Danach ging die Selbstbeherrschung flöten, Weinkrämpfe schüttelten ihn. Der Anruf immerhin half weiter. Die BKK zahlte ein ambulantes Adipositasprogramm mit Ernährungsberatung und Sport. Sie genehmigte Hilfe zur Selbsthilfe.

Zweieinhalb Jahre später. Andreas Hopfer gönnt erst „Herrn Ebert“, einem schlanken Sittich im goldenen Käfig ein paar Körnchen, platziert dann seine 1,92 Meter auf dem Pankower Sofa, löffelt etwas Kaffeeweißer in seine Tasse, lässt die Süßigkeiten, die er für den Gast besorgt hat, links liegen und zeigt seine schlimmsten Fotos. „Kiek ma, wie ick da ausjesehn habe!“ sagt er lachend, als mache er einen Witz über einen Fremden.

Er ist um14 Kilo leichter jetzt, mehr als die Hälfte davon reines Körperfett, so steht es im Protokoll. Und doch ist noch viel Körperfülle übrig. Einige Monate hat er sich geplagt, weil es nicht weiterging mit dem Abnehmen. Ein Internist, Stoffwechselspezialist, verschrieb ein Medikament, das den Blutzuckerspiegel reguliert, nun geht es wieder voran dank fett- und zuckerarmer Ernährung.

Lieber gesund. Als junger Kerl war Andreas Hopfer schlank, mit dem Frust kamen die Fressattacken. Ein Gruppenprogramm half ihm weiter. Jetzt kauft er wieder gern Gemüse ein. Mike Wolff
Lieber gesund. Als junger Kerl war Andreas Hopfer schlank, mit dem Frust kamen die Fressattacken. Ein Gruppenprogramm half ihm...Mike Wolff

Andreas Hopfers Esssucht hat viele Ursachen, er zählt sie auf, sie kamen in Gesprächen mit der Psychologin zur Sprache. Seelenleid etwa als Scheidungskind mit gestörtem Verhältnis zur Mutter. Essen als Ersatz für Nikotin: 2008 gab er das Rauchen auf. Misserfolge im Beruf: Gartenbau-Studium abgebrochen, Lehre als Einzelhandelskaufmann, dann Jobs im Büro, mal als Landschaftsgärtner, mal im Baumarkt. Umschulung zum Steuerfachangestellten. Nun arbeitet er im Callcenter. Glücklich ist er damit nicht, für den Job ist er eigentlich überqualifiziert. Am Telefon kommt der 44-Jährige toll rüber, Körperfülle spielt da keine Rolle. „Ich weiß natürlich auch, was ich die letzten Jahre gegessen habe“, sagt er. „Weißmehlbrot mit Nutella, Käse ab 50 Prozent Fett aufwärts, drei Wurststullen hintereinander. Salami gab’s mit Käse überbacken. Nicht ein Hefeweizen, sondern sechs am Abend. Saufen schwemmt ja auch auf.“ Fressen aus Frust und „danach ein richtiges Scheißgefühl“. Und dann die Einsamkeit: Je dicker Andreas Hopfer wurde, umso mehr schottete er sich ab. „Dabei hab’ ich ein großes Herz und ein freundliches, offenes Wesen.“

Als junger Kerl war Andreas Hopfer schlank, mit dem Frust kamen die Fressattacken. Mike Wolff
Als junger Kerl war Andreas Hopfer schlank, mit dem Frust kamen die Fressattacken.Mike Wolff

Ein Jahr Diätgruppe brachte ihn zu Besinnung. Aqua-Fitness hat er beibehalten, und er geht zum Rückentraining. Irgendwann will Andreas Hopfer seine Medikamente absetzen können, die gegen Bluthochdruck, gegen Wasseransammlungen im Körper. Die Sorge um seine Gesundheit treibt ihn um. Den Antrag für eine Magenbypass-OP lässt er erstmal weiterlaufen. Bei einem BMI von über 40 hat er Chancen auf Kostenübernahme durch die Krankenkasse. Er gibt zu, der Gedanke an die Operation ängstige ihn – erst recht nach der Beratung in einer Zehlendorfer Klinik. Ein Leben lang nur noch Miniportionen essen – würde er das schaffen? Noch hofft er auf einen Erfolg durch vernünftige Ernährung. „Bis ich 50 bin, will ich unter 100 Kilo kommen.“ Als Andreas Hopfer zum Fototermin am Marktstand erscheint, lächelt er. „Wieder zwei Kilo weg.“ Hinterher kauft er für sich Obst und etwas Salat. Das Abendessen für den Mitbewohner hat er als Erstes besorgt: Körner für Herrn Ebert.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben