Gesundheit : Alkohol gefährdet Genesung nach Operation

Wer viel trinkt, geht ein Risiko ein, wenn er operiert wird. Alkoholkonsum erhöht Studien zufolge die Gefahr, dass man nach einem Eingriff an Infektionen, Blutungen oder Herzrhythmusstörungen erkrankt.

Adelheid Müller-Lissner

Bevor Mitte des 19. Jahrhunderts die ersten Narkosen vorgenommen wurden, waren es oft große Mengen Alkohol, die Operationen überhaupt möglich machten: Die Trunkenheit nahm den Patienten die Schmerzen und dimmte das Bewusstsein herunter. Damit ließen sich aber allenfalls einfache und schnelle Eingriffe durchführen, die immer noch schmerzvoll und gefährlich für den Patienten waren. Operiert wurde deshalb nur im Notfall – oder bei ansonsten gesunden, fitten jungen Menschen.

Inzwischen wurden Operations- und Narkoseverfahren immer weiter verfeinert. Längst wird kein Brandwein mehr gebraucht, um einen chirurgischen Eingriff erträglich zu gestalten, im Operationssaal findet Hochprozentiges allenfalls beim Desinfizieren Verwendung.

Und doch ist der Alkohol für die Anästhesisten erneut zum Thema geworden – aus einem ganz anderen Blickwinkel. Denn viele der Menschen, die sie rund um die Operation betreuen, trinken regelmäßig so viel Alkohol, dass ihre Genesung nach dem Eingriff dadurch gefährdet ist. „Das ist bei drei bis vier Bier pro Tag oder einer Flasche Wein bereits der Fall“, sagt Claudia Spies, Direktorin der Klinik für Anästhesie und operative Intensivmedizin der Charité Campus Mitte. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zieht generell die Grenze, ab der der Genuss alkoholhaltiger Getränke gesundheitsschädlich werden kann, für Männer bei maximal 30, für Frauen bei 20 Gramm reinem Alkohol.

„Ab einem Konsum von 60 Gramm haben wir bei unseren Patienten schwerwiegende Komplikationen nach einer Operation gesehen", berichtet die Charité-Anästhesistin. Mit dem Alkoholkonsum steigt die Gefahr, nach dem Eingriff Blutungen, Infektionen, oder Herzrhythmusstörungen zu erleiden. Auch die Wunden heilen dann oft schlechter. In einer experimentellen Studie, veröffentlicht in der Fachzeitschrift „Alcoholism: Clinical and Experimental Research“, konnten die Charité-Forscher kürzlich ganz konkret zeigen, dass Mäuse eher eine Lungenentzündung bekommen und dass es ihr Immunsystem schwächt, wenn sie vor einer Bauchoperation regelmäßig Alkohol zu trinken bekommen.

Unter dessen Einfluss werden auch vermehrt Stresshormone ausgeschüttet. „Wir messen bei den Betroffenen noch bis zu drei Tage nach der Operation erhöhte Cortisolwerte“, sagt Spies. Durch Medikamente wie das Schmerzmittel Morphin lassen sich solche Reaktionen mindern. Doch dazu müssen die behandelnden Ärzte über das Problem erst einmal Bescheid wissen.

In einer brandneuen Studie, veröffentlicht in der August-Ausgabe der Fachzeitschrift „Anesthesiology“, konnten die Charité-Mediziner nun zeigen, dass sich dafür ein Computer-Fragebogen besonders gut eignet, den die Patienten noch vor ihrem ersten Gespräch mit dem Anästhesisten ausfüllen. 1921 Patienten wurden in die Studie eingeschlossen. Dort fand ein Fragebogen Verwendung, der an der Charité auf der Basis des amerikanischen „Alcohol Use Disorder Identification Test“ (AUDIT) ausgearbeitet worden war. Die Auswertung ergab, dass jeder Sechste regelmäßig zumindest geringfügig mehr Alkohol zu sich nimmt, als seiner Gesundheit zuträglich ist. Verließen sich die Mediziner dagegen auf ihre Eindrücke beim persönlichen Gespräch, dann hielten sie nur einen von 14 Patienten für gefährdet. Vor allem bei Jüngeren und bei Frauen rechnen sie offensichtlich weniger mit einem solchen Problem.

Dabei kommt etwa die Hauptstelle für Suchtfragen in Hamm zu dem Ergebnis, dass mehr als zehn Millionen Deutsche regelmäßig Alkohol in „bedenklichen Mengen“ konsumieren. Claudia Spies und ihren Mitarbeitern liegt nicht daran, ihren Schutzbefohlenen mit dem moralischen Zeigefinger zu kommen. Sie gehen lieber pragmatisch vor und raten, in den Wochen vor einem planbaren Eingriff, etwa dem Einsetzen eines künstlichen Hüftgelenks, deutlich weniger zu trinken. „Man sollte es besser bei einem Bier oder einem Glas Wein belassen.“

Wer von Alkohol abhängig ist – und das sind nach Schätzungen 1,6 Millionen Bundesbürger –, kann einen solchen Ratschlag nicht aus eigener Kraft realisieren. „Diese Patienten brauchen professionelle Hilfe“, sagt Spies. Anästhesisten könnten diejenigen sein, die das Thema zuerst ansprechen – aus gegebenem Anlass. „Es ist aber ganz wichtig, das mit Empathie zu tun, konkrete Schritte für die Verhaltensänderung anzubieten und an die Selbstwirksamkeit des Patienten zu appellieren.“ Die aktuelle Studie bestätigt Spies in der Vermutung, dass die Patienten gerade vor einer Operation oft den Wunsch haben, mit einem Arzt oder einer Ärztin über das Thema Trinkgewohnheiten zu sprechen.

Auch das Rauchen sollte dann konsequenterweise ein Thema sein. Raucher haben nach Operationen nämlich deutlich häufiger mit Durchblutungsstörungen und mit Rhythmusstörungen des Herzens zu kämpfen. Außerdem ist auch bei ihnen oft die Wundheilung verzögert. „Am besten wäre es, wenn sie sechs bis acht Wochen vor einem geplanten Eingriff mit dem Rauchen aufhören könnten“, sagt Anästhesistin Spies. Programme, die dabei helfen, werden inzwischen von den Krankenkassen bezahlt.

Adelheid Müller-Lissner

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