Gesundheit : Alkoholindustrie finanziert Aufklärungskampagnen für Schwangere

Eine Einrichtung im Virchow-Klinikum will Schwangere vom Trinken abhalten – mithilfe der Alkoholbranche. Kritiker sprechen von einem Glaubwürdigkeitsproblem.

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Suchtprävention. Mit freundlicher Unterstützung der Alkoholindustrie.
Suchtprävention. Mit freundlicher Unterstützung der Alkoholindustrie.Foto: privat

„Mein Kind will keinen Alkohol“ – das stand bis vor kurzem auf zwei übergroßen Plakaten am Virchow-Klinikum der Charité. Unter dem Slogan ist eine Art Verbotsschild mit Piktogramm zu sehen: Eine durchgestrichene Schwangere, die ein Glas hochhält. Die Plakate hingen dort auf Initiative der Stiftung für das behinderte Kind. Sie ist Träger des Zentrums für Menschen mit angeborenen Alkoholschäden, auch FASD-Zentrum genannt. FASD steht für „fetales Alkohol-Syndrom“, die Behinderung, mit der Kinder von Müttern geboren werden, die in der Schwangerschaft zu viel Alkohol getrunken haben. Wie viel zu viel ist, weiß niemand. Das sagen Ärzte wie Joachim Dudenhausen, der das FASD-Zentrum leitet. Er hat zwei Aufklärungskampagnen gegen Alkoholkonsum in der Schwangerschaft ins Leben gerufen.

Finanziert werden beide Kampagnen und die Arbeit des Zentrums zu großen Teilen von der Alkoholindustrie, vom Deutschen Brauereibund und vom Spirituosenhersteller Pernod Ricard. Rund 35 000 Euro habe das Zentrum von der Alkoholindustrie erhalten, sagt Dudenhausen. Das stößt auf Kritik: „Ich finde, es ist eine unglückliche Mischung, die Verursacher mit ins Boot zu holen“, sagt Stefanie Winde, gesundheitspolitische Sprecherin der SPD. Sie und andere Gesundheitsexperten sprechen von einem Interessenkonflikt: „Das ist eine Form der Eigenwerbung, wenn auch eine indirekte.“

Auf den Plakaten findet sich zwar kein Hinweis auf Pernod. Doch wird das Piktogramm von den Postern auch auf Etiketten von Pernod-Flaschen gedruckt – sehr klein und ohne Erklärung. „Das Piktogramm ist alles andere als eindeutig – man könnte es auch als ,Stopp Schwangerschaft‘ lesen“, sagt Raphael Gaßmann von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen. Fachleute wie er fordern seit langem ein Gesetz, das Alkoholhersteller zu Gefahrenhinweisen auf den Flaschen verpflichtet – wie auf Zigarettenpackungen.

Beteiligung an Aufklärungskampagnen verhindert weitere Verpflichtungen

Doch gerade mit der Finanzierung von Kampagnen wie denen des FASD-Zentrums versuchten die Alkoholhersteller solche Regelungen zu verhindern, sagen Kritiker. Und zwar bislang mit Erfolg. Sogar Bettina Wulff, Ehefrau des Bundespräsidenten, unterstützt die Kampagne und Familienministerin Kristina Schröder (CDU) ist Schirmherrin der zweiten: Unter dem Motto „0,0 Promille in der Schwangerschaft“ soll Informationsmaterial an Frauenärzte verteilt werden – gemeinsam mit dem Brauereibund. Die Website, auf der das FASD-Zentrum über diese Kampagne berichtet, bietet dem Präsidenten des Brauerbundes, Wolfgang Burgard, eine Plattform, sich gegen Warnhinweise auf Flaschen für Schwangere auszusprechen: „Wir sehen keine Notwendigkeit in weiteren Verboten“.

„Kampagnen in Zusammenarbeit mit den Herstellern haben immer ein Glaubwürdigkeitsproblem“, sagt Suchtexperte Gaßmann. Die Hauptstelle für Suchtfragen hat Leitlinien zu Präventionskampagnen herausgegeben, in denen sie von solchen Kooperationen abrät. Dudenhausen vom FASD-Zentrum sieht das anders: „Keineswegs verliert die Stiftung oder das Zentrum an Glaubwürdigkeit.“ Denn es gebe keine „inhaltliche Beeinflussung der Stiftungsarbeit oder der Zentrumsarbeit“ durch die Alkoholindustrie. „Eine Produktwerbung findet nicht statt. Das Eintreten der Alkoholindustrie für alkoholfreie Bereiche wie die Schwangerschaft findet die Unterstützung der Stiftung für das behinderte Kind.“

Vom Charité-Vorstand heißt es dagegen: „Das Sponsoring einer Anti-Alkoholkampagne durch die Alkoholindustrie stellt keine überzeugende Strategie dar.“ Auch seien die Kampagnen mit Pernod Ricard und dem Brauerbund nicht mit dem Charité-Vorstand abgesprochen. Das FASD-Zentrum ist zwar in den Räumen des Virchow-Klinikums der Charité angesiedelt, und Dudenhausen war bis zu seiner Emeritierung vor einigen Monaten Leiter der Geburtsmedizin dort. Es gehört aber offiziell nicht zur Charité. Trotz der Kritik betont die Charité-Leitung, das FASD-Zentrum sei eine wichtige Einrichtung und leiste ansonsten gute Arbeit.

Ebenso sieht es SPD-Gesundheitspolitikerin Winde. Sie habe Dudenhausen vor zwei Jahren dringend davon abgeraten, mit Alkoholherstellern zusammenzuarbeiten. „Es gibt ja immer diese Argumentation, die öffentliche Hand stelle nicht genug Mittel zur Verfügung. Aber in diesem und im nächsten Jahr sind je 50 000 Euro im Haushalt für Präventionsarbeit vorgesehen.“

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