Gesundheit : Bezirke können nicht mehr alle Erstklässler untersuchen

Der Öffentliche Gesundheitsdienst warnt vor den Folgen der Sparpolitik. Auch Schulpsychologen klagen über zu wenig Personal für ihre Aufgaben. Nur jeder zehnte Schüler kann wirksam beraten werden.

Susanne Vieth-Entus

Der andauernde Spardruck auf Bezirks- und Landesebene geht zunehmend auf Kosten der Kinder. Aktuelle Beispiele: der Mangel an Schulpsychologen und an Ärzten im öffentlichen Kinder- und Jugendgesundheitsdienst. Die Schulpsychologen gehen davon aus, dass nur jeder zehnte Problemschüler beraten werden kann. Ähnlich angespannt ist die Personalsituation in einigen Gesundheitsämtern zwischen Treptow und Reinickendorf.

„Wir werden mindestens 1000 der 2400 Erstklässler nicht untersuchen können“, warnte gestern der Leiter des Kinder- und Jugendgesundheitsdienstes von Friedrichshain- Kreuzberg, Dietrich Delekat, gegenüber dem Tagesspiegel. Infolge der Personalpolitik des Senats seien von ehedem 6,5 demnächst nur 2,5 Stellen übrig. Zudem habe der Solidarpakt dazu geführt, dass die Mitarbeiter wegen der Gehaltskürzungen rund drei Wochen weniger arbeiten müssten. Die wenigen verbliebenen Ärzte würden deshalb rund zwei Monate urlaubshalber ausfallen.

Die Personalnot bei den Ärzten im öffentlichen Gesundheitsdienst kollidiert mit dem Vorhaben des Senats, den Kinderschutz zu verbessern. „Wenn wir die Einschulungsuntersuchungen schaffen wollen, können wir uns weder um die Neugeborenen kümmern noch um den Kinderschutz“, prophezeit Neuköllns Gesundheitsstadträtin Stefanie Vogelsang (CDU). Jahrelang habe der Senat gefordert, frei werdende Stellen nur aus dem Stellenpool zu besetzen, obwohl es dort gar keine Ärzte gab. Der letzte Kinderarzt des Neuköllner Kinder- und Jugendgesundheitsdienstes ging jetzt in den Ruhestand. Völlig unklar ist vor diesem Hintergrund, wie die Bezirke bald auch noch die neuen gesetzlich vorgeschriebenen Untersuchungen der drei- bis vierjährigen Kitakinder schaffen sollen.

Mit der Sparpolitik nicht übertreiben

Neuköllns Bildungsstadtrat Wolfgang Schimmang (SPD) will den Sparkurs von Rot-Rot zwar nicht pauschal verurteilen, Es sei gut, dass es die riesigen „Wasserköpfe“ der Verwaltungen in Ost und West nicht mehr gebe, so dass aus ehemals über 200.000 etwa 110.000 Stellen geworden seien. „Aber jetzt muss man aufpassen, wenn man den öffentlichen Dienst nicht gefährden will“, mahnt Schimmang, denn „in allen Bereichen droht Überalterung, und wenn man sie dann braucht, sind sie nicht mehr da.“

Was der Personalabbau durch Einstellungssperren bedeutet, lässt sich auch bei den Schulpsychologen beobachten. Ihre Zahl ist von 144 auf 88 gekürzt worden, junge Kräfte gibt es nicht. Die verbliebenen sind rein rechnerisch jeweils für 6200 Schüler zuständig. Zum Vergleich: International kommen auf einen Schulpsychologen nur rund 2500 Schüler – so wie es Unesco und OECD empfohlen haben. In der Praxis bedeute dies, dass man sich nur um jeden zehnten Schüler, der Beratung brauche, kümmern könne, sagt Klaus Seifried vom schulpsychologischen Dienst Tempelhof-Schöneberg.

Die Zahl der Schulpsychologen müsse erhöht werden, fordern übereinstimmend GEW und CDU. Der bildungspolitische CDU-Sprecher Sascha Steuer erinnert daran, dass SPD und Linkspartei bereits 140 Jugendeinrichtungen geschlossen und 160 Millionen Euro bei den Hilfen zur Erziehung gekürzt haben. Unter dem viel beschworenen Kinderschutz stelle er sich etwas anderes vor.

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