Gesundheitspolitik : Im Ostteil der Stadt fehlen Fachärzte

Erstmals legt die Kassenärztliche Vereinigung ihre Zahlen über die Praxisdichte in den Bezirken offen. Die Daten sind brisant.

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Zum ersten Mal will die Kassenärztliche Vereinigung (KV) in der kommenden Woche detaillierte Zahlen über die Ärzteversorgung in den zwölf Bezirken veröffentlichen – und der Datensatz, der dem Tagesspiegel bereits vorab vorliegt, gibt Anlass zur Sorge: Das Versorgungsgefälle zwischen vergleichsweise wohlhabenden Westbezirken und den östlichen Randgebieten hat deutliche Formen angenommen.

In fast allen Sparten hat Charlottenburg-Wilmersdorf mit Abstand die besten Werte. In keinem anderen Bezirk gibt es, umgerechnet auf die Einwohnerzahl, so viele Fachärzte. Während hier auf einen praktizierenden Hausarzt im Schnitt gut 1000 Einwohner kommen, sind es in Neukölln mehr als 1700. Noch größer sind die Differenzen bei anderen Facharztsparten: An den bundesweiten Bedarfszahlen gemessen liegt die Versorgungsrate bei den Gynäkologen und Hautärzten in Charlottenburg-Wilmersdorf bei fast 200 Prozent. In Neukölln beträgt sie bei den Frauenärzten hingegen nur rund 60, bei den Dermatologen nur fast 50 Prozent. Bei den Radiologen ist die Differenz zwischen den beiden Bezirken noch extremer.

Im Schnitt gut aufgestellt sind neben Charlottenburg-Wilmersdorf vor allem Mitte, Steglitz-Zehlendorf und Tempelhof-Schöneberg, im Mittelfeld liegen unter anderem Pankow und Spandau. Neukölln, Marzahn-Hellersdorf und Lichtenberg bilden oft die Schlusslichter. Besonders extrem fällt der Vergleich bei den ärztlichen und nicht ärztlichen Psychotherapeuten aus – auf einen der 32 Therapeuten in Marzahn-Hellersdorf kommen dreizehn Mal so viele Einwohner wie in Charlottenburg-Wilmersdorf, wo rund 550 Therapeuten praktizieren.

Uwe Kraffel, Vorstand der KV Berlin, der mit Gesundheitssenatorin Katrin Lompscher (Linke) am Montag an einer Podiumsdiskussion zu diesem Thema teilnehmen wird, warnt vor voreiligen Schlüssen: „Das Problem ist nicht eine plötzliche Abwanderung der Ärzte in die reichen Kieze, dieses Phänomen gibt es seit 2003 nur marginal.“ Die größere Schwierigkeit sei, dass in manchen Bezirken der Versorgungsbedarf aufgrund der rasch alternden Bevölkerung enorm steige. Das sind ausgerechnet die schon heute als in Teilen unterversorgt geltenden Bezirke Marzahn-Hellersdorf und Lichtenberg.

Kraffels These, gut situierte Bezirke würden nicht überdurchschnittlich mehr Ärzte anziehen, bezweifelt hingegen Lompscher. „Ich gehe davon aus, dass der dort höhere Anteil an Privatpatienten viele Ärzte lockt“, sagt die Senatorin. Sie ist froh, dass aufgrund eines Bundesbeschlusses endlich auch die regionale Ungleichverteilung in einem Planungsbezirk untersucht werden kann und hofft für Berlin auf Basis der neuen Zahlen auf konstruktive Lösungsansätze seitens der KV und der Krankenkassen. „Eine Möglichkeit wäre, neue Zulassungen nur gezielt für die unterversorgten Bezirke zu erteilen oder mit Zu- und Abschlägen für eine bessere Verteilung zu sorgen“, schlägt Lompscher vor.

Kraffel, der selbst seit 17 Jahren in Charlottenburg eine Augenarztpraxis führt, kritisiert vor allem die 1992 aufgestellten, bundesweit geltenden Maßzahlen für den Ärztebedarf in Großstädten. Sie berücksichtigen weder das durchschnittliche Alter in einem Planungsbezirk noch die tatsächliche Inanspruchnahme und die Leistungsfähigkeiten der ansässigen Praxen. „So decken wir in Charlottenburg-Wilmersdorf den ermittelten Bedarf zwar mehr als ab, zugleich versorgen wir aber auch zahlreiche Berufspendler aus anderen – auch den östlichen – Stadtteilen und aus Brandenburg“, berichtet Kraffel aus seiner Praxis. Die meisten Menschen würden ihre Ärzte aus praktischen Gründen in Nähe der Arbeitsstätte suchen, und die befinde sich bei vielen eben in den Innenstadtbezirken.

Laut Kraffel wird die Neuorganisation der Bedarfsplanung einer der Kardinalpunkte bei der bevorstehenden Gesundheitsreform sein. Für Berlin, das im Bundesdurchschnitt nach wie vor als insgesamt überdurchschnittlich gut versorgt gilt, kündigt er an, zwar den einen Planungsbezirk aufrechtzuerhalten, zugleich aber in den Bezirken genauer hinschauen zu wollen, um den tatsächlichen Versorgungsbedarf zu ermitteln. „So ist es durchaus denkbar, dass Praxisgenehmigungen in Zukunft gezielter und standortbewusster erteilt werden“, so Kraffel.

Die Podiumsdiskussion „Gerecht verteilt und gut erreichbar?“ beginnt am Montag um 17.30 Uhr in der Urania, An der Urania 17. Der Eintritt ist frei.

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