Gesundheitsvorsorge : Migranten lassen ihre Kinder seltener vom Arzt untersuchen

Besonders arabischstämmige Familien nehmen Vorsorgetermine beim Arzt für ihre Kinder häufig nicht wahr. Eine Einladungspflicht zur Früherkennung wurde bisher nicht im Parlament beschlossen.

Sabine Beikler

Es sind die „vergessenen Kinder“, wie Kinderärzte Minderjährige aus sozial schwachen Familien bezeichnen. Sie sind in der Mehrzahl Migrantenkinder, häufiger krank und leiden stärker an Entwicklungsstörungen als ihre sozial bessergestellten Altersgenossen. Solche Defizite sollen durch die Früherkennungsuntersuchungen U1 bis U8 erkannt werden. Aber nur etwa jedes zweite Kind arabischer Herkunft nimmt in Berlin diese Untersuchungen lückenlos wahr. Bei den deutschen Kindern sind es immerhin 82,1 Prozent. Das geht aus einer am Montag veröffentlichten Auswertung der Einschulungsdaten aus dem Jahr 2007 hervor. Laut Senatsgesundheitsverwaltung nahmen von 23 103 Kindern, die ein Vorsorgeheft hatten, berlinweit 76,1 Prozent an den Untersuchungen teil.

Im Vergleich zum Vorjahr sind diese Zahlen geringfügig gesunken, aktuellere Zahlen liegen nicht vor. 2006 hatten noch 77,2 Prozent der Berliner Kinder alle Untersuchungen wahrgenommen. Gesundheitssenatorin Katrin Lompscher (Linke) hofft, dass durch ein verbindliches Einladewesen „möglichst alle Eltern die Früherkennungsuntersuchungen für ihre Kinder vollständig wahrnehmen“. Doch die verbindliche Aufforderung lässt auf sich warten (siehe Kasten). „Aus diesen Berichten müssen konkrete Konsequenzen gezogen werden“, fordert Dietrich Delekat, Leitender Kinderarzt beim Kinder- und Jugendgesundheitsdienst Friedrichshain-Kreuzberg.

Auch in seinem Bezirk belegen das Zahlen. 2007 haben von etwa 2000 Kindern mit Vorsorgeheft 72 Prozent deutsche, 56 Prozent türkisch- und nur 40 Prozent arabischstämmige Kinder an allen Früherkennungsuntersuchungen teilgenommen. Delekat sagt offen, dass man einen Teil der Eltern als Behörde gar nicht mehr erreiche. „Man kommt auch nicht ohne Sanktionen aus, um bei den Eltern wirksam an ihre Verantwortung zu appellieren“, sagt der Kinderarzt.

Für die Gesundheitsstadträtin Sibyll Klotz (Grüne) aus Tempelhof-Schöneberg steht fest, dass diese Probleme ohne „aufsuchende Sozialarbeit“ nicht gelöst werden können. „Die Gesundheitsverwaltung reagiert nicht systematisch auf die Untersuchungsergebnisse. Wir brauchen Ressourcen, das heißt finanzierte Arztstellen und mehr Mittel für Projekte für die Gesundheitsvorsorge“, sagt Klotz. So organisiert der Bezirk zum Beispiel gemeinsam mit Grundschulen einen Kinder, Jugend- und Gesundheitstag. So sollen Kinder auch Basiswissen über vernünftige Ernährung erhalten. Denn – das zeigt ein weiteres Ergebnis der Auswertung – zwölf Prozent der Kinder gelten als übergewichtig. Im Vergleich zum Vorjahr ist dieser Wert ebenfalls nicht gestiegen.

Auch in diesem Punkt klafft eine Differenz zwischen dem Anteil von zu dicken Migrantenkindern zu deutschstämmigen Kindern. 22,6 Prozent der türkischstämmigen, 18,5 Prozent der arabischstämmigen und 8,7 Prozent der deutschen Kinder waren bei den Untersuchungen als fettleibig eingestuft worden.

Die Gesundheitsverwaltung verweist auf Anfrage auf „vielfältige Handlungsweisen, wie sie durch die Landesgesundheitskonferenz angestoßen und koordiniert werden sollen“. Konkrete Maßnahmen werden nicht genannt. Aber immer mehr Kitas hätten individuell abgestimmte Bewegungsförderprogramme in ihre Konzeption aufgenommen. Und da hält es die Verwaltung immerhin für erfreulich, dass 2007 auch mehr Kinder (84 Prozent) eine Kita länger als zwei Jahre besucht hätten als im Vorjahr (81,9 Prozent).

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