Berlin : Gesundheitswesen: Berliner sind Patienten zweiter Klasse

Christoph Stollowsky

Krebspatienten werden Medikamente verweigert, die ihnen nachweislich geholfen haben. MS-Kranke müssen um Arzneien kämpfen, die sie vom Gehstock befreiten und jahrelang von ihrer Kasse bewilligt wurden. Und immer häufiger bekommen Patienten auch bei weniger schweren Erkrankungen von ihrem Arzt zu hören: "Das Präparat erster Wahl kann ich nicht verschreiben, sonst müsste ich es selbst bezahlen." Das ist keine düstere Vision zur Zukunft des finanziell notleidenden Gesundheitswesens, sondern Alltag in Arztpraxen. Vor allem an der Spree. Berliner sind im Vergleich zur Situation im übrigen Bundesgebiet Patienten zweiter Klasse.

Wer in Berlin mit der Chipkarte einer gesetzlichen Kasse in der Hand krank wird, ist doppelt schlecht dran. Er muss fürchten, dass ihn sein Arzt unter dem Druck der Versicherungen nicht mehr nach bestem Wissen behandeln kann. Denn in keiner anderen Region gehen die Kassen derart scharf gegen niedergelassene Mediziner vor, die aus ihrer Sicht zu teure oder "nicht verschreibungsfähige" Arzneimittel verordnen.

Schaut man über die Hauptstadt hinaus, bestätigt sich die Regel: Je höher das durchschnittliche Einkommen der Bevölkerung ist, umso besser geht es den Versicherungen und entsprechend toleranter übernehmen sie Kosten. Am entspanntesten ist die Situation in Süddeutschland. Ärzte im Schwarzwald kommen sich angesichts der Probleme ihrer Berliner Kollegen wie im Schlaraffenland vor. Und ein Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Süd-Württemberg sagt frank und frei: "Bei uns geht es längst nicht so inquisitorisch ab wie in Berlin".

Dennoch starren Mediziner und Kassenvertreter in ganz Deutschland auf die Hauptstadt, weil ihnen der stramme Kurs der Berliner Kassen wie ein Test vorkommt. Setzen sich die Versicherungen an der Spree durch, könnten auch anderswo Berliner Verhältnisse drohen. Schließlich sind die gesetzlichen Regelungen zur Kontrolle von Verordnungen überall gleich. Sie sollen die hochschnellenden Medikamentenkosten bremsen. Nun geht es um die Frage, ob sie in aller Konsequenz oder flexibel gehandhabt werden.

Wie berichtet, nehmen sich die Kassen und Kassenärztlichen Vereinigungen in Prüfungsausschüssen nahezu alle Arztpraxen vor und kontrollieren, ob sie "wirtschaftlich" verordnen, was bedeutet: Gleichwertige, aber billigere Präparate wie Generika müssen Vorrang haben, und die vereinbarten Arzneimittelbudgets pro Patient dürfen nicht mehr als um 15 Prozent überschritten werden. Ist dies der Fall, haben die Ärzte noch die Chance, Praxisbesonderheiten nachzuweisen wie einen hohen Anteil von Allergikern mit außergewöhnlich teuren Medikamenten: Ein häufig schwieriges Unterfangen. Misslingt es, müssen sie mit fünf- bis sechsstelligen Geldstrafen rechnen, weil die Kassen die beanstandeten Ausgaben von ihnen im Regress zurückfordern.

Internisten können beispielsweise pro Quartal und Versicherten Präparate im Wert von 97,51 Mark verschreiben. Diese Werte sind bundesweit nicht allzu unterschiedlich - dennoch drohen in Berlin mehreren hundert Medizinern Regressforderungen. In anderen Regionen lassen sich solche Geldstrafen an zehn Fingern abzählen. Der Nachteil für die Berliner Patienten: Sie müssen häufiger Arzneien selbst bezahlen oder erleben ein Hin und Her, falls sie in der Not zu anderen Praxen überwiesen werden, deren Budgets noch Spielraum haben.

Hinzu kommen Streitigkeiten um beantragte Leistungen, die zur Abrechnung mit den Kassen noch nicht vorgesehen sind - beispielsweise um Resistenztests bei Aidskranken. Präzise lässt sich damit ermitteln, gegen welche Medikamente der HIV-Erreger eine Abwehr entwickelt hat. Doch "fast alle Berliner Kassen lehnen sie ab", sagt ein Aids-Experte. Nicht so im Ruhrgebiet. Dort werden die Tests bezahlt.

Den größten Aufruhr verursachte allerdings die Entscheidung einiger Berliner Kassen, allen voran BKK und Barmer, bestimmte Präparate gegen Karzinome, Multiple Sklerose und Aids nicht mehr zu bezahlen, obwohl sie diese jahrelang finanziert haben. Dabei geht es um Immunglobuline für MS- und HIV-Kranke sowie um Krebsmittel, die nur gegen bestimmte Geschwülste zugelassen sind, aber auch gegen andere Tumore "erfolgreich" eingesetzt werden, wie Mediziner betonen. "Auf der Grundlage eines breiten Erfahrungsaustausches." Nun argumentieren die Kassen, diesen Mitteln fehle die Zulassung, ihre Wirksamkeit und Nebenwirkungen seien unzureichend getestet - folglich sollen die Ärzte die Verordnungskosten zurückerstatten. Zur Kostenübernahme sind die Kassen erst wieder bereit, wenn "zulassungsrelevante Studien" vorliegen.

"Patienten sind die Leidtragenden", halten Ärzte dagegen. Aber das ist aus Sicht der Barmer "eine Mitleidsschiene", die beim Ringen um Verordnungsregeln "nicht weiterhilft." Derart offen hat sich anderswo in der Republik noch kaum ein Kassenvertreter geäußert. Bisher wird auch dieser neue Konflikt fast nur in Berlin ausgetragen.

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