Berlin : Gesundheitszirkel gegen Psycho-Stress Schulen sollen sich selbst helfen, um das Risiko

für Burn-out-Erkrankungen zu senken

Susanne Vieth-Entus

Bildungssenator Klaus Böger (SPD) will so genannte Gesundheitszirkel an Schulen einrichten, um dem Psycho-Stress der Lehrer auf den Grund zu gehen. Im nächsten Schuljahr werden Moderatoren ausgebildet, die zusammen mit Lehrkräften und Schulleitern versuchen sollen, die psychischen Belastungen zu erfassen und zu reduzieren. Die Schulleiter werden verpflichtet, anschließend in einem verbindlichen „Maßnahmeplan“ festzulegen, wie die Arbeitssituation an ihrer Schule verbessert werden kann.

In dem Konzept, dessen Entwurf dem Tagesspiegel vorliegt, heißt es, dass insbesondere jene Schulen von Moderatoren unterstützt werden sollen, die einen „besonders hohen Krankenstand aufweisen“. Allerdings sollen die Gesundheitszirkel nur eingerichtet werden, wenn die Mehrheit der Lehrer dies wünscht.

Noch ist unklar, wie hoch die Akzeptanz der Zirkel sein wird. Viele Lehrer meinen, dass es gerade die Senatsschulverwaltung sei, die den Stress mitverursacht. In allen Umfragen zu den Gründen von Lehrerdepressionen (Burn-out-Syndrom) werden an erster Stelle die hohe Zahl von Unterrichtsstunden und die Größe der Schulklassen genannt – also Belastungen, die die Politik festlegt.

Dies ist auch der Grund dafür, dass die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) inzwischen auf Abstand zu dem anfangs begrüßten Projekt der Gesundheitszirkel geht. „Wir unterstützen das nicht“, sagt Manfred Triebe, der die GEW im Gesamtpersonalrat der Lehrer vertritt. Ihm missfällt zudem, dass die Zirkel außerhalb der Unterrichtszeit zusammenkommen sollen. Diese Vorschrift sei „zynisch“, weil es auf Kosten der Unterrichtsvorbereitung gehe, wenn die Zirkel nachmittags tagten. Dies verstärke den Stress der Lehrer zusätzlich.

„Das sind doch Spielchen der GEW“, meint Grundschullehrerin Astrid Gohlke, die das Vorhaben Bögers begrüßt. Sie hält es für notwendig, dass Lehrer sich über ihre Probleme austauschen und Kurse besuchen, die bei Zeitmanagement und Stressbewältigung helfen.

Derartige Kurse bietet etwa Dagmar Rohnstock im Auftrag der Evangelischen Schulstiftung an (www.weg-vom-stress. de). Rohnstock hat in vielen Jahren die Erfahrung gemacht, dass es „kaum etwas Gesundheitsgefährdenderes gibt als den Lehrerberuf“. Und sie warnt davor, dass letztlich nicht nur die Pädagogen leiden, sondern die Qualität des ganzen Bildungssystems, wenn ein so hoher Prozentsatz der Lehrer nicht voll einsatzfähig sei.

Auch Isabella Heuser vom Lehrstuhl für Psychologie der Freien Universität hat in ihrer Sprechstunde ständig mit Lehrern zu tun, die am Ende ihrer Kraft sind. Heuser will einen Eignungstest für Lehramtsstudenten entwickeln, damit Menschen mit bestimmten Risikofaktoren gar nicht erst diesen Beruf ergreifen.

Um Lehrerstress geht es auch heute von 9 Uhr bis 16 Uhr beim 1. Gesundheitstag für die Berliner Schulen im OSZ Handel, Wrangelstraße 98, in Kreuzberg.

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