Berlin : Geteilte Ansichten

Abgeordnete debattieren das Mauergedenk-Konzept und die DDR-Vergangenheit des Kultursenators

Werner van Bebber

Ein bisschen Kalter Krieg schreckt matte Abgeordnete auf, wenn sie über das für die Stadt so wichtige Thema Mauergedenken streiten sollen. Versteht sich, dass Kultursenator Thomas Flierl die Rolle des Bösewichts zu ertragen hatte, als der ambitionierte CDU-Geschichtspolitiker Uwe Lehmann-Brauns loslegte: Flierl habe sich als ehemaliger Kulturfunktionär der SED zu erkennen gegeben und ein Papier vorgelegt, das den Stand der Dinge beschreibe, statt von den Ursachen der Teilung zu sprechen. Das war Lehmann-Brauns zu wenig, auch wenn ein kleines bitteres Grinsen über Flierls Gesicht gehuscht war, als die bösen Worte fielen. Ein Grinsen, von dem man nicht sagen kann, ob es bitter war, weil rhetorischer Kalter Krieg immer noch sein muss, wenn es um die Mauer geht. Oder weil mancher Leute Vergangenheit wichtiger ist als ihre Gegenwart.

Immerhin: Einig waren sich alle Kultur- und Gedenkfachleute mit und über Flierls Konzept, dass es in die richtige Richtung weise. Flierl hat mit dem Papier vom 18. April dargestellt, was es noch an Mauererinnerung in der Stadt gibt und die „Vernetzung“ der Gedenkorte gefordert. Er hatte, auch das lobten in der Parlamentsdebatte alle, von Flierls Parteifreund Wolfgang Brauner über die SPD-Rednerin Brigitte Lange bis zu Alice Ströver (Grüne) und Sibylle Meister (FDP), die Gedenkstätte Bernauer Straße ins Zentrum der Überlegungen gestellt.

Flierl hatte sogar – als „die große Lösung“ – einen Vorschlag aufgenommen, den Lehmann-Brauns gemacht hatte. Der Kultursenator machte erstmals deutlich, dass er sich am Checkpoint Charlie ein Museum vorstellen kann, das die Teilung Europas darstellt. Es müsste dort gebaut werden, wo noch die 1000 Holzkreuze der Chefin des Mauermuseums, Alexandra Hildebrandt, stehen. Sie hatte den Streit über das Mauergedenken in Berlin mächtig auf Tempo gebracht.

Lehmann-Brauns hatte das Teilungsmuseum vorgeschlagen und dabei zugegeben, dass es ein Fehler der eigenen, in den 90er Jahren die Verantwortung tragenden Partei gewesen war, die Spuren der Teilung so weit wie möglich aus der Stadt zu entfernen. Flierl ließ sich auf die „große Lösung“ ein und darauf, dass man dafür die Europäische Union gewinnen müsse, schon wegen der Grundstücke, die die Pleitestadt Berlin kaufen müsste. Beinahe erwartbar, dass Flierl die Gelegenheit zum Zurückpöbeln nutze: „Ich kann Sie wirklich gut verstehen“, höhnte er in Richtung Lehmann-Brauns: Es sei ja auch irritierend, dass ausgerechnet ein PDS-Senator mit dem ersten Konzept zum Mauergedenken komme, nachdem die CDU so etwas in zehn Regierungsjahren nicht vorgelegt hatte.

Das war es aber auch. Zu groß ist die Konsensbereitschaft, mit dem Mauergedenken weiterzukommen, schon weil so viele Berlin-Besucher das wünschen. An der Bernauer Straße können sich Fachleute aller Fraktionen mehr Authentizität vorstellen – einen Umgang mit den Mauerresten, der erkennen lässt, wie die Grenze funktionierte. Flierl hat sogar, wie er sagte, einiges unternommen, damit ein in der Nähe der Gedenkstätte geplanter Supermarkt nicht gebaut wird. Was er an der Bernauer Straße nicht will, hat indes niemand gefordert – eine Filmkulisse zur Erzeugung von Grenzhorror.

Einig ist man sich auch darin, dass am Brandenburger Tor wie ein Ort der Information entstehen soll, der auf die vielen Orte des Mauergedenkens in Berlin verweist. Vieles andere blieb offen – der Umgang mit dem Tränenpalast zum Beispiel. Doch Flierl hat zeitliche Zusagen gemacht: Im Herbst will er dem Senat ein Konzept vorlegen, über das dann zu beschließen wäre.

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