Berlin : Geteiltes Empfinden

Ost und West – war das gestern? Auf der Suche nach der gespaltenen Stadt

Sven Goldmann

Hätte nicht alles ganz anders kommen können? Damals, nach dem turbulenten 17. Juni 2001? Klaus Wowereit verdreht heute noch die Augen, wenn er an seinen ersten Amtstag zurückdenkt. Der 17. Juni ist ein Sonntag, und Wowereit tritt an zur Ehrung der Opfer des DDR-Volksaufstandes von 1953. Vor dem Friedhof an der Seestraße empfangen ihn Transparente, auf denen steht: „SPD und PDS – eine Schande für Berlin“ oder „Gestern paktieren, heute Tränen vergießen“.

Der sonst so schlagfertige Wowereit ist irritiert. Er verhaspelt sich bei seiner Rede und verheddert sich in den Schleifen seines Trauerkranzes. Draußen brüllen die Demonstranten: „Vaterlandsverräter!“, „Putschist!“, und, besonders originell: „Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten!“, eine kommunistische Losung aus Weimarer Zeiten. Es geht einiges durcheinander am Tag, nachdem Klaus Wowereit zum Regierenden Bürgermeister gewählt worden ist. SPD und Grüne bilden einen Minderheitssenat, toleriert von der SED-Nachfolgerin PDS, und das ist ein Tabubruch im Nachkriegs-Berlin.

Fünf Jahre später sind die Postkommunisten längst vom stillen Teilhaber in die Regierungsverantwortung gewechselt. „Die PDS hat gezeigt, dass sie verlässliche Politik machen kann“, sagt Oskar Niedermayer, Politologe an der Freien Universität. „Dabei hilft ihr die Auseinandersetzung mit der WASG. Das sind in den Augen der Öffentlichkeit die Utopisten, die erheben Forderungen, die keiner bezahlen kann.“ Dagegen erscheine die PDS als normale Partei und Rot-Rot als normale Koalition. „Das ganze Ost-West-Denken war doch Gesinnungstümelei“, behauptet Hans Kollhoff, als Architekt in West-Berlin groß geworden und aller kommunistischen Umtriebe unverdächtig.

Heute erscheint diese Entwicklung logisch, damals war sie es nicht. Die CDU belebte im Wahlkampf 2001 ihre Rote-Socken-Kampagne, Spitzenkandidat Frank Steffel schwadronierte davon, Berlin werde nach Peking und Havanna die dritte kommunistisch regierte Hauptstadt der Welt. Doch das Wahlvolk interessierte sich mehr für einen aktuellen Bankenskandal als für eine längst abgerissene Mauer, und die CDU fuhr das schlechteste Ergebnis der Geschichte ein. Ideologische Kritik an der SED-Nachfolgerin übt die Union heute nur noch leise in den Zwischentönen. „Für mich ist es immer noch ein Ding der Unmöglichkeit, dass diese Partei in Berlin mitregiert“, sagt Steffels Nachfolger Friedbert Pflüger. „Ich fühle mich gewissen Werten verpflichtet, und die kann ich doch nicht aus parteitaktischen Gründen aufgeben.“ Was solle er denn von einem Mann wie Kultursenator Flierl halten, „der lässt es bei einer Diskussionsveranstaltung zu, dass in seiner Anwesenheit alte Stasi-Leute die Täter von damals zu Zeitzeugen erklären“.

Auch der Politologe Niedermayer findet, „dass Flierl die offene Flanke der PDS ist. Aber wer sieht den schon als Schwergewicht im Senat?“ Nicht Flierl stehe für die Berliner PDS, „sondern Pragmatiker wie Harald Wolf oder Lothar Bisky“. 16 Jahre nach der Wende hat die PDS ihren Platz im Parteienspektrum gefunden. Ihre Akzeptanz setzt sie nur noch dann aufs Spiel, wenn sie allzu sorglos mit der Vergangenheit umgeht. Mit der östlichen wie im Falle Flierl, aber auch mit der westlichen. Vor ein paar Wochen hat Fraktionschef Stefan Liebich leichtfertig über einen längst fälligen Abschied vom alten West-Berlin geplaudert. Die West-Berliner mögen sich mit den SED-Nachfolgern im Senat arrangieren, am Verlust des Idylls vor 1989 tragen viele immer noch schwer. „Man muss schon unterscheiden zwischen der Akzeptanz der PDS und einem grundsätzlichen Ost-West-Gegensatz“, sagt der Politologe Niedermayer.

Auch Sozialdemokraten müssen sich an der Basis immer wieder denselben Fragen stellen: Warum schließt ihr Tempelhof? Warum wird an der Friedrichstraße der Admiralspalast eröffnet, während bei uns die Ku’dammbühnen sterben? Warum halten am Bahnhof Zoo keine Fernzüge mehr? Kurz: Warum geht scheinbar alles Geld nur noch in den Osten? Es herrscht ein latentes Gefühl des Benachteiligtwerdens. Uwe Lehmann-Brauns, Kulturpolitiker der CDU und im bürgerlichen Südwesten verankert, kleidet es in den Satz: „In Berlin geht das Gespenst eines unübersehbaren Stadt- und Bedeutungsverlustes der westlichen Bezirke um.“ Und Spitzenkandidat Pflüger merkt spitz an, der Regierende Bürgermeister würde mit seiner Wohlfühllaune so manchen Ost-West-Konflikt überspielen.

Wowereit könnte auf solche Vorhaltungen mit dem Hinweis reagieren, als gebürtiger Tempelhofer stehe doch auch er für das alte West-Berlin. Doch er hütet sich, in der Öffentlichkeit einen Ost-West-Gegensatz zu thematisieren. Seine Popularitätswerte bestätigen ihn. „Es ist ja kein Zufall, dass der Regierende Bürgermeister bei den Umfragen doppelt so gut abschneidet wie seine Partei“, sagt der Politologe Niedermayer, und der Architekt Kollhoff findet: „Wowereit ist weder West noch Ost zuzuordnen, er ist Berliner und Großstadtmensch.“

Einstweilen genießt es Wowereit, „dass es einen politischen Mentalitätswechsel gibt, daran haben doch vor fünf Jahren gerade in den Medien sehr wenige geglaubt“. Auch am 17. Juni 2006 gehen die Berliner auf die Straße, aber diesesmal feiern sie sich selbst, auf der Fanmeile der Fußball-Weltmeisterschaft. Und die Opfer des Volksaufstandes ehrte Klaus Wowereit Seite an Seite mit dem CDU-Innenminister Wolfgang Schäuble.

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