• Getötete Säuglinge in Neukölln und Hellersdorf: Gesundheitssenator fordert Erhalt von Babyklappen

Getötete Säuglinge in Neukölln und Hellersdorf : Gesundheitssenator fordert Erhalt von Babyklappen

Zwei Kinder wurden direkt nach der Geburt getötet. Jetzt diskutieren Politiker, wie solche Taten verhindert werden können. Doch Maßnahmen wie die Babyklappen sind nicht unumstritten.

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Gedenken. An der Tangermünder Straße in Hellerdorf wurde am Dienstagabend die Leiche eines Säuglings gefunden.
Gedenken. An der Tangermünder Straße in Hellerdorf wurde am Dienstagabend die Leiche eines Säuglings gefunden.Foto: dpa

Auch nach dem zweiten  Fund einer Babyleiche hat sich der Verdacht bestätigt: Der Säugling, ein Junge, kam lebend zur Welt und wurde anschließend getötet. Der Hund einer Spaziergängerin hatte am Dienstagabend in der Tangermünder Straße in Hellersdorf eine Plastiktüte entdeckt. Darin befand sich die Babyleiche. Die Mordkommission ermittelt auch in diesem Fall wegen Mordes. Details dazu, wie das Kind umgebracht wurde und wie lange es dort schon lag, nannte die Staatsanwaltschaft nicht. Erst am vorigen Freitag war in einem Altpapiercontainer in Neukölln ein totes Baby, ein Mädchen, entdeckt worden. Auch hier ermittelt die Polizei wegen Mordes. Bislang sind 16 Hinweise dazu eingegangen. Doch eine Spur zur Mutter des Mädchens gibt es laut Staatsanwaltschaft noch nicht. „Wir haben Ermittlungsansätze, denen jetzt nachgegangen wird“, sagte ein Sprecher.

Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) äußerte gestern seine tiefe Erschütterung. „Mütter, die ihre Schwangerschaft verdrängen und ihrem Kind das Leben verwehren, befinden sich in einer extremen Ausnahmesituation. Die psychische Situation der Mütter bleibt ebenso unbegreiflich, wie das Aussetzen eines Kindes selbst“, sagte Czaja. Es sei nur sehr schwer zu begreifen, dass es nicht immer möglich ist, Frauen in einer solchen Situation zu erreichen. Zu selten werde dabei auch der Blick auf die Mitverantwortung der Väter gerichtet.

Angesichts der beiden getöteten Babys stellt sich die Frage, ob und mit welchen Hilfsangeboten die Taten hätten verhindert werden können. Bernd Siggelkow, Gründer des Kinderhilfswerks Arche, fordert jetzt eine verstärkte Initiative, um Babyklappen bekannt zu machen. Vier dieser Einrichtungen gibt es derzeit an Berliner Kliniken. Ihren Namen haben sie daher, dass ein Baby anonym durch eine Klappe in ein Wärmebettchen abgelegt werden kann. Nach kurzer Zeit wird Alarm ausgelöst, so dass das Kind sofort ärztlich betreut wird. Auf diese Weise soll in absoluten Krisensituationen das Leben eines Kindes gerettet werden.

„Müttern, die so verzweifelt sind, solch eine Tat zu begehen, muss ein Ausweg angeboten werden. In ihrer Notlage werden sie sich nicht erst vorher dazu im Internet kundig machen. Babyklappen müssen so bekannt und im Bewusstsein verankert sein, dass sie ganz automatisch wissen, wohin sie sich wenden können“, sagte Siggelkow. Die Arche werde jetzt prüfen, welche gesetzlichen Auflagen zu erfüllen seien, um eine solche Babyklappe einzurichten. Dazu will Siggelkow das Gespräch mit dem Gesundheitssenator suchen.

Es könnte aber schwierig werden, eine neue Babyklappe einzurichten. Denn diese wie auch anonyme Geburten in Krankenhäusern sind nicht unumstritten. Familienministerin Kristina Schröder (CDU) hält von beiden nicht viel; sie will stattdessen die so genannte „vertrauliche Geburt“ regeln. Hintergrund der Gesetzesinitiative ist, dass jedes Kind das Recht habe, seine Abstammung zu kennen. Im vergangenen Monat beschloss das Kabinett Schröders Gesetzentwurf. Danach müssen Frauen, die in einer Klinik „vertraulich“ entbinden wollen, ihre Daten angeben. Ihr Name wird aber 16 Jahre lang in einem versiegelten Umschlag hinterlegt. Erst dann soll ein Kind die Identität der Mutter erfahren können. Die Angebote bestehender Babyklappen sowie für anonyme Geburten sollen in den kommenden drei Jahren evaluiert werde; werden rechtlich aber nicht abgesichert.

Gesundheitssenator Czaja will aber sowohl Babyklappen wie anonyme Geburt erhalten und kritisiert die Vorstellungen seiner Parteifreundin Schröder . „Der vorgesehene Weg der Bundesregierung, den Zugang zur anonymen Geburt zu erschweren, ist kein Weg, so niedrigschwellig wie möglich den Zugang zu den Familien in Not zu verbessern“, sagte Czaja und geht sogar noch weiter: „ Ich möchte daher eine weiteres Angebot einer Babyklappe am Vivantes-Klinikum Friedrichshain erreichen.“

Rettung in höchster Not. Durch eine Klappe kann ein Baby in ein Wärmebettchen gelegt werden. Hier wird das am Neuköllner Krankenhaus mit einer Puppe demonstriert.
Foto: ddp

chröders Position ist in der Union ohnehin umstritten. Bayerns Justizministerin Dr. Beate Merk ( CSU) fordert dringend eine Nachbesserung des Gesetzentwurfs. „Für Extremfälle muss eine so genannte anonyme Geburt ohne Angabe der persönlichen Daten möglich sein“, sagt Merk. Als äußerstes Mittel werde zudem die Babyklappe benötigt. „So kommt das Neugeborene wenigstens schnell und zuverlässig in professionelle Hände statt beispielsweise in irgend einem ungeschützter Hauseingang ausgesetzt zu werden.“

Auch der gesundheitspolitische Experte der Berliner Grünen, Heiko Thomas, hält die Babyklappen weiter für dringend notwendig.

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