Getöteter Säugling : Zum zweiten Mal ein Baby ausgesetzt

Sie hat schon einmal ein Baby ausgesetzt, vor über zehn Jahren: damals überlebte der Säugling, diesmal erstickte die Mutter das Kind. Ein Nachbar gab der Polizei den entscheidenden Tipp.

Tanja Buntrock

Sie hat schon einmal ein Baby ausgesetzt, vor mehr als zehn Jahren: Damals überlebte der Säugling, diesmal erstickte die Mutter das Kind. Am Donnerstagabend nahm die Polizei die 41-jährige Carmen B. fest, am Freitag wurde Haftbefehl wegen Totschlags erlassen. Die Frau war bereits 1999 zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt worden. Die damals sechsfache Mutter hatte ihr siebtes Baby im Badezimmer der Weißenseer Wohnung geboren und im Keller des Hauses abgelegt. Das Mädchen wurde lebend entdeckt, obwohl es zwei Tage ohne Nahrung war.

Es scheint, als ob sich nun fast alles wiederholt hat: Nur diesmal hat Carmen B. ihren Sohn offenbar einen Tag nach der Geburt erstickt und in einem Altkleidercontainer in der Wilmersdorfer Güntzelstraße abgelegt. Laut Staatsanwaltschaft hatte sie den Jungen am 6. März ohne Hilfe in ihrer Wilmersdorfer Wohnung zur Welt gebracht. Die Frau, die sich zu den Vorwürfen bislang nicht äußert, hatte ihre Schwangerschaft nach Angaben eines Justizsprechers geheim gehalten. Ihr jetziger Lebensgefährte soll nichts von der Geburt gewusst haben. In der Wohnung – sie liegt in einem bürgerlichen Viertel – war er gestern nicht zu erreichen.

Ein Mitarbeiter des Roten Kreuzes hatte am Montag gegen 7.10 Uhr beim Leeren des Containers den toten Säugling entdeckt. Das Kind war darin mit einem Handtuch und einem Kopfkissenbezug in einer Plastiktüte abgelegt worden. Laut Obduktion war es gesund und vollständig entwickelt zur Welt gekommen.

Nach Tagesspiegel-Informationen war es ein Nachbar der Frau, der die Fahnder auf ihre Spur geführt hatte. Er soll Babygeschrei aus der Wohnung im Seitenflügel in der Jenaer Straße gehört und sich nichts weiter dabei gedacht haben. „Erst als die Polizei mit Lautsprecherdurchsagen und Zetteln nach der Mutter fahndete, ist ihm das Ganze im Nachhinein komisch vorgekommen, und er hat sich bei der Polizei gemeldet“, sagte ein Ermittler.

Auch im Juni 1998 waren es Nachbarn, die das neugeborene Mädchen im Keller des Wohnhauses fanden. Das Kind lag in einer Tüte mit alten Kleidern – es lebte, obwohl es seit der Geburt keine Betreuung und Nahrung bekommen hatte. Lisa wurde später zur Adoption freigegeben. Im Januar 1999 musste sich Carmen B. für ihre Tat vor Gericht verantworten. Damals sagte die Mutter aus, sie könne sich die Geschehnisse nicht erklären. Auch ein halbes Jahr nach der Geburt hatte sie alles verdrängt. Angeblich habe die damals sechsfache Mutter Angst gehabt, was ihr Lebensgefährte zu einem weiteren Kind sagen würde. Weil Schulden das Paar gedrückt hätten, habe sie die Schwangerschaft verschwiegen. Drei Kinder lebten in der Familie, drei weitere in einem Heim. Auch damals brachte Carmen B. ihr Baby heimlich auf die Welt. Als die Wehen einsetzten, sei ihr Freund bei der Frühschicht und die älteste Tochter in der Schule gewesen, die anderen Kinder spielten nebenan. Später habe sie den Säugling in den Kellerverschlag gelegt. Ihr Freund habe von all dem nichts gewusst. Als die Nachbarn das Wimmern des Babys im Keller hörten, hätten sie Carmen B. und ihren Freund zur Rede gestellt. Zunächst tat die Mutter ahnungslos. Doch bei der Vernehmung der Polizei knickte sie ein und offenbarte sich den Beamten. Ihr Lebensgefährte verließ daraufhin die Familie.

„Wir wollen den Kindern nicht die Mutter nehmen“, begründete damals der Richter die Bewährungsstrafe. Ein Gutachter hatte keine Wiederholungsgefahr gesehen. Die Frau wisse jetzt, wie man verhüte.

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