Gewalt an Berliner Schulen : An der Spitze muss es stimmen

Auch die neue Koalition in Berlin will mehr gegen die Gewalt an Schulen tun. Doch solch ein Vorhaben scheiterte meist an inkompetenten Schulleitern. Ein Kommentar.

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Der Berliner Senat will mehr gegen Gewalt an Schulen tun.
Der Berliner Senat will mehr gegen Gewalt an Schulen tun.Foto: dpa

Die abgewählte rot-schwarze Koalition hat ihrer rot-rot-grünen Nachfolgerin schulpolitisch eine ambitionierte Aufgabe auf den Weg mitgegeben: Sie soll mehr gegen die Gewalt an Schulen tun. So steht es im Antrag, der am Ende der vergangenen Legislatur noch rasch von SPD und CDU beschlossen wurde. Da hatte es jemand eilig.

Zu Recht eilig, wie es die aktuellen, abermals gestiegenen Gewaltzahlen wieder bestätigen. Daher sollen künftig alle Schulen gezwungen werden, den gesamten Instrumentenkasten der Deeskalationsstrategien vom Konfliktlotseneinsatz bis zur Ernennung eines Elternbeauftragten zum Einsatz zu bringen.

Das Programm ist ebenso eindrucksvoll wie naiv: eindrucksvoll durch die Vielzahl an durchaus plausiblen Vorgaben; naiv durch die transportierte Vorstellung, dass sich mit ein paar Stellschrauben die latente Gewaltbereitschaft an Schulen beseitigen ließe.

Erst sollte das Ganztagesprogramm helfen, dann das Bonusprogramm

Dieser geradezu kindlich anmutende Glaube einer "Besserung" durch politische Vorgaben begegnet einem in der Schulpolitik besonders häufig. Nur die Namen der Heilsbringer wechseln. Zuletzt war es das Bonusprogramm, das den Schulen im sozialen Brennpunkt mit einem millionenschweren Geldsegen Unterstützung bieten sollte. Vorher hatte das Ganztagsprogramm bundes- und landesweit den Heilsbringerstatus. Die Hoffnung stirbt zuletzt, auch wenn die Leistungsergebnisse bislang nicht gezeigt haben, dass sich an Berlins Schulen irgendetwas zum Besseren gewandelt hätte.

Die neue Koalition sollte zur Kenntnis nehmen, dass guter Rat nicht unbedingt teuer sein muss. Manchmal ist es schon eine Nachbarschule, die zeigt, dass Schule Spaß machen und erfolgreich sein kann – unter den gleichen finanziellen und sozialen Bedingungen wie an den "failing schools", die immer wieder Schlagzeilen machen. Mit geradezu atemberaubender Sicherheit lautet die Antwort auf die Frage, warum die eine Schule reüssiert, während die andere untergeht: Die Schulleitung macht den Unterschied. Das gilt für Neukölln ebenso wie für Wannsee. Für den Brennpunkt ebenso wie für wohlsituiertes Terrain.

Diese Erkenntnis steht in nahezu jedem Schulinspektionsbericht

Diese Erkenntnis ist alles andere als neu. Sie ist nachzulesen in nahezu jedem Schulinspektionsbericht. Und dennoch ist Berlin noch immer weit davon entfernt, sie in praktische Politik umzusetzen. Noch immer wird jahrelang auf die Pensionierung gescheiterter Schulleiter gewartet, bis ein Neustart möglich ist. Oder erfolglose neue Schulleiter werden so lange im Amt gelassen und erst abgelöst, wenn die jeweilige Schule noch tiefer im Dreck steckt als vorher.

Berlin nimmt zurzeit 100 000 Euro pro Schule und Jahr in die Hand, damit Brennpunktschulen sich ein paar Honorarkräfte einkaufen können. Wirkliche Erfolge stellen sich dadurch nicht ein. Der neue Senat sollte also überlegen, ob es nicht besser wäre, mit diesem Geld in bundesweiten Anzeigen nach guten Leuten zu suchen und sie gegebenenfalls dann auch besser zu bezahlen.

Ohne kompetente Schulleiter werden die Pläne nicht viel nützen

Denn eines zeigen Berlins Erfahrungen überdeutlich: Was auch immer der Senat tut – er scheitert an all jenen Schulen, deren Leitung nichts taugt. Dies hat gerade erst wieder das Beispiel der Berliner Ernst-Reuter-Schule bewiesen, in der rund eine Million Euro an Sondermitteln versickerten, ohne dass sich etwas zum Besseren gewandelt hätte. Die Schule versinkt in der Hoffnungslosigkeit, während Nachbarschulen vergleichsweise blendend dastehen – mit besseren Leistungen und ohne Gewaltvorkommnisse.

Wenn der Senat sich also jetzt damit beschäftigt, den rot-schwarzen Antrag für ein Anti-Gewalt-Programm umzusetzen, sollte er bedenken, dass es auch hier wenig bringt, in die knappen Geldtöpfe zu fassen, solange er nicht dafür Sorge trägt, dass jemand da ist, der dieses Geld auch sinnvoll ausgeben kann. Daher muss es in dieser Legislaturperiode mehr denn je darum gehen, auf die wachsenden Probleme der Zuwanderungsstadt mit kompetenten Schulleitern zu antworten – auch wenn sie in der Koalitionsvereinbarung nicht vorkommen.

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