Gewalt : Ganz der Vater

Bringen prügelnde Eltern schlagende Söhne hervor? Was die Leser zum Thema Gewalt sagen.

Birgit Dohlus

In vielen Familien mit Migrationshintergrund gehören Schläge offenbar zur Erziehung, das wissen Beratungsstellen, das haben mehrere Studien ermittelt. Jugendliche Migranten sind mit Gewalt aufgewachsen – und geben diese Gewalt weiter, sagen Fachleute. Sie verweisen darauf, dass der größte Teil von sogenannten Intensivtätern aus türkischen oder palästinensischen Familien kommt. Dabei ist in Deutschland das Schlagen von Kindern eine Straftat. Doch zu oft wird aus falsch verstandener Rücksicht darauf verzichtet, diesen Familien dies klar zu machen, kritisierte Caroline Fetscher am 14. Januar im Tagesspiegel und verwies auf erfolgreiche Kampagnen in anderen Ländern. Die Reaktion unser Leser war enorm. Wir dokumentieren einige Zuschriften.

Atemlos. Großartig. Wichtig. Weitsichtig wichtig. Und mutig. Es ist zwar schade, dass die Frauen den Mut aufbringen müssen, die Väter ins Visier zu nehmen, und nicht deren eigenes Geschlecht, viele Männer haben wohl ein Selbstbildproblem, aber vielleicht geht es nur so. Aber dann: Nägel mit Köpfen. Warten Sie nicht auf die Politik – jede Sekunde ist wertvoll. Fangen Sie sofort an. Heute in Berlin und morgen übers Land. Ich bin sicher, Sie finden viel Unterstützung. Birgit Dohlus

Endlich, endlich bringt jemand diese verlogene Debatte auf den Kernpunkt. Elterliche Brutalität geht weit übers Tabu hinaus. Es ist ein Thema, so geladen und verdrängt, dass eine wahrhaftige Auseinandersetzung darüber nahezu hoffnungslos erscheint. Wenn es eine Initiative zur Aufklärung oder gar Bestrafung der züchtigenden Eltern geben sollte, würde ich mich gerne sofort anschließen, und als Nachbar hätte ich da überhaupt keinerlei Bedenken, dem Übel auf den Grund zu gehen, um die Kinder vor ihren eigenen Verwandten zu schützen. Prof. Klaus Lutz Lansemann

Ich danke Ihnen für Ihren Artikel „Tolerierte Täter“. Offensichtlich haben Sie Wut im Bauch, und diese teile ich! Ich habe mit meinem Sohn sieben Jahre in Berlin-Neukölln gelebt und finde es unfassbar, dass elterliche Gewalt, egal wo sie stattfindet, kaum ein gesellschaftliches Thema ist. Ich hoffe sehr, dass Ihr Aufruf etwas nützt und es zu einer Aufklärungskampagne kommt.Gabriela Jehn

Vielen Dank für diesen sehr guten, profunden Artikel, der mir aus der Seele spricht! Das Problem ist nach wie vor, die betroffenen Familien zu erreichen, aber hier sind Ihre Vorschläge durchaus realisierbar, wenn man eine „konzertierte Aktion“ daraus machte, die von der Politik unterstützt wird. Auch in diesem Bereich gilt: Prävention ist alles, hinterher kostet es viel Mühe und viel Geld, die Ergebnisse einer Erziehung mit und dadurch auch zu Gewalt zu bekämpfen. Erst wer sich hier – fern von populistischer Hetze – als Politiker hervortut, ist ernst zu nehmen. Dr. Sabine Vollmert-Spiesky

Vielen Dank für die Benennung dieses Skandals. Als Neuköllner Frauenbeauftragte habe ich schon 2003 anlässlich des Antigewalttages am 25. November eine erfolgreiche Bäckertütenaktion (in Deutsch und Türkisch) zum Thema häusliche Gewalt durchgeführt. Es beteiligten sich schon damals auch türkische Geschäftsleute daran. Meine Kolleginnen aus den anderen Bezirken haben diese Aktion übernommen und machen sie in jedem Jahr. Renate Bremmert

Es stimmt – die Elternhäuser sind es, die die Zukunft prägen, es ist eine Binse, aber wir haben das immer noch nicht kapiert. Zugleich höre ich auch von engagierten, aber völlig ratlosen Lehrern, die von Misshandlungen erfahren und zugleich von den Kindern inständig um Diskretion gebeten werden, weil die Kinder keinesfalls aus ihren Familien herauswollen (das betrifft vor allem die patriarchal-muslimischen Familiensysteme). Es ist ein fürchterliches Dilemma. Dorion Weickmann

Der Hinweis auf die schwedische Offensive zum Recht von Kindern auf eine gewaltfreie Erziehung hat mich erwischt. Ich würde am liebsten die aktuelle Stimmung zur Jugendkriminalität nutzen und mithelfen, etwas in Bewegung zu bringen.Winfried Schilke

Sie haben sehr gut die Situation dargestellt. Leider hat unser Land über 40 Jahre zugesehen, wie eine unwissende Parallelgesellschaft entsteht. Wir wollten partout nicht einsehen, dass wir ein Einwanderungsland sind, Regeln aufstellen und diese auch kontrollieren müssen. Mein Vorschlag wäre eine Kampagne entsprechend dem schwedischen Vorbild. Lutz Behla

Sollen wir uns jetzt mit diesem Wissen weiterhin auf der Straße und in der U-Bahn damit abfinden, dass die Migrantenkultur nun mal so ist, wie sie ist? Das kann es auch nicht sein. Es ist für mich auch nicht zu verstehen, wie man solche Dinge seit Jahrzehnten schönreden kann. Die Quittung für unsere Toleranz und das Wegsehen bekommen wir seit vielen Jahren. Trotzdem interessiert sich kaum einer wirklich dafür, bis er selbst zum Opfer wird.Iwc

Es freut mich, nach vielen Beiträgen und parteiischen Texten auch mal einen Lösungsvorschlag zu hören. Einen guten, wie ich finde. Respekt kann keine vorwiegend deutsche Pflicht sein. Ein Witz ist doch, dass alle halbwegs integrierten türkischen Mitbürger die Sache ganz ähnlich sehen. Denn auch diese können von solchen Jugendlichen angegriffen werden. Ferrero

Fetschers Vorschlag, mit einer Kampagne den Inhalt des Paragrafen unters Volk zu bringen, sollte von der Politik möglichst schnell aufgegriffen werden. D. Oster

Wir sind auch verprügelt worden früher, und zwar reichlich. Aber ich schlage auf der Straße trotzdem nicht um mich. Also muss doch das eigene Gehirn noch eine Rolle spielen. Ganymed

Das Massenphänomen der Gewalt gegen Kinder im Namen der Erziehung gilt es endlich öffentlich so schonungslos zu kritisieren, wie Sie es getan haben. Martin Wilke

Zum Teil gibt es dieses Problem auch, weil die dafür zuständigen Sozialarbeiter ein falsches Menschenbild haben. Wenn wir vom Gesetz erwarten, dass es jugendliche Straftäter hart rannimmt, warum gilt das nicht für die Eltern? Dafür haben wir doch Gesetze. Aber die Kuschelpädagogik der Sozialarbeiter kehrt den Dreck unter den Teppich, anstatt ihn zu beseitigen. Sapereaude

Mir kommen die Tränen. Wenn Ihre Argumentation zuträfe, hätte die größte Jugendkriminalität eigentlich in den Nachkriegsjahren einsetzen müssen, wurden doch früher Kinder noch autoritär erzogen. Seltsamerweise ist dem aber nicht so. Vielmehr hat sich längst herausgestellt, dass die antiautoritäre Erziehung das große Übel unserer heutigen Gesellschaft ist, die dazu geführt hat, dass Kinder und Jugendliche vor nichts und niemandem mehr Respekt haben. Nur ist das Thema tabu. Doch wehe unserer Gesellschaft, die eines Tages noch ein böses Erwachen erleben wird.Maja

Wir Kinder im Westen sind in den 60ern und 70ern sehr gerne geschlagen worden, das war alles andere als eine Seltenheit. Nicht jeder wurde kriminell, weil die Gesellschaft uns später einen bürgerlichen Status gab, anders als bei vielen Migranten. Stefano

Sicher werden nicht alle geprügelten Kinder zu prügelnden Eltern. Es geht doch aber darum, alle geprügelten Kinder zu schützen, auch wenn sie später nicht aggressiv werden. Ein Problem ist jedoch, dass Kinder meistens nicht möchten, dass ihre Eltern bestraft werden. Sie sind ja von ihnen abhängig. Wioskow

Jugendliche Gewalttäter sollten so hart, wie es das Gesetz erlaubt, bestraft werden, damit sie merken, dass ihre Rohheit kein Bagatelldelikt ist. Man kann heute keinem Jugendlichen auf der Straße, auf Bahnhöfen, wo auch immer noch etwas sagen, ohne nicht zumindest grob beleidigt zu werden. Die Hemmschwellen sinken auf allen Ebenen. Genauso muss das Gesetz aber auch gegen prügelnde Eltern angewendet werden. Züchtigung von Kindern ist Körperverletzung und sollte genauso geahndet werden. Ostsee

Alle reden von Jugendgewalt und minderjährigen Delinquenten. Doch elterliche Brutalität in den vier Wänden ist tabu. Eine öffentliche Diskussion darüber findet bisher nicht statt. Doch Alltagsbeispiele gibt es viele. Als aktiver Elternvertreter bekomme ich leider viel zu viel davon mit. Dergraue


Was meinen Sie? Kurze Zuschriften unter: Berlin@Tagesspiegel.de, Stichwort Gewalt

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