Gewalt im Nahverkehr : BVG prüft Verzicht auf Kontrollen im Bus

Erneut sind BVG-Fahrer bespuckt, geschlagen und gebissen worden - bis zum Jahresende sollen alle 2540 Buslenker ein Deeskalationstraining absolviert haben.

Klaus Kurpjuweit

Schon wieder. Erneut sind in der Nacht zu Mittwoch Mitarbeiter der BVG attackiert worden. In einer Straßenbahn der Linie 68 (Alt-Schmöckwitz–Köpenick) wurde ein Fahrer von einem Unbekannten geschlagen und bei einer Rangelei in den Finger gebissen. Der 44-jährige BVG-Mitarbeiter hatte den Mann gegen 23 Uhr an der Haltestelle Rathaus Köpenick zur Rede gestellt, weil dieser den Fuß so in die Tür gestellt hatte, dass diese sich nicht schließen ließ. Der Versuch, den Unbekannten festzuhalten, scheiterte. Die Feuerwehr brachte den Fahrer wegen Platz- und Bisswunden ins Krankenhaus.

In einem Bus der Linie M 29 (Grunewald–Hermannplatz) hatte ein Jugendlicher gegen 23 Uhr im Oberdeck lautstark Fahrgäste beleidigt, woraufhin der Fahrer über seinen Knopf Alarm auslöste, um die Polizei zu verständigen. An der Haltestelle An der Urania beleidigte und bespuckte der Unbekannte den 46-jährigen Fahrer und verließ den Bus.

Die BVG will solche Vorfälle nicht mehr kommentieren. Intern hieß es aber, die Mitarbeiter hätten sich richtig verhalten. Die Fahrer seien „tief gekränkt“, weil der SDP-Abgeordnete Thomas Kleineidam ihnen vorgeworfen hat, etwa 30 Prozent der Übergriffe seien auf „Provokationen“ der Mitarbeiter zurückzuführen. Als Beispiel nannte Kleineidam das Meckern am Lenkrad, wenn jemand nicht schnell genug einen Kinderwagen in oder aus dem Bus wuchte. Es gebe aber oft auch ausländerfeindliche Bemerkungen von Fahrern, die dann in Gewalt mündeten.

Inzwischen relativiert der Abgeordnete seine Äußerungen. Die Busfahrer machten einen „schwierigen Job“, der auch zum Aufbau von Aggressionen führen könne. Um damit umzugehen, sollten die Fahrer geschult werden. Dies erfolge aber vor allem bei dem Tochterunternehmen Berlin Transport (BT) nur sporadisch, bei den Mitarbeitern der privaten Unternehmen, die im Auftrag der BVG fahren, gar nicht.

Bis zum Jahresende hätten alle 2540 Busfahrer der BVG ein solches Deeskalationstraining absolviert, entgegnete Unternehmenssprecherin Petra Reetz. Von den rund 1500 Busfahrern der Berlin Transport seien 40 Prozent geschult worden. Der Anteil sei relativ niedrig, weil es im Tochterunternehmen eine hohe Fluktuation gebe und auch bereits geschulte Mitarbeiter die BT schon wieder verlassen hätten oder zur BVG gewechselt seien.

In den Schulungen, die jeweils einen Tag dauern, schlüpften die Fahrer auch in die Rolle von Fahrgästen, wie sie es aus ihrer Erfahrung kennen. Zudem wird versucht zu vermitteln, dass auch Fahrgäste nicht immer „ihren besten Tag“ haben können, sagte Reetz. So wolle man unter den Fahrern auch Verständnis für das ebenfalls nicht immer perfekte Verhalten der Kunden werben.

Die BVG sei derzeit dabei, die Übergriffe auszuwerten. Vor allem wolle man feststellen, wo sie stattgefunden haben – am Fahrerplatz oder irgendwo im Fahrzeug. Auch der Anlass von Gewalttätigkeiten werde ermittelt; ob es zum Beispiel um Streit bei der Kontrolle, bei der Mitnahme eines Hundes ohne Maulkorb oder um mitgeführtes Essen gegangen ist. Sollte sich herausstellen, dass es die meisten Konflikte um die Kontrolle von Fahrscheinen gibt, werde man andere Lösungen suchen, kündigte Reetz an.

Nach Kleineidams Angaben gehen rund 40 Prozent der Gewalttaten Streitigkeiten voraus. Hier ist es im Nachhinein schwer zu ermitteln, wer dabei begonnen hat. Sollte es der Fahrer gewesen sein, gebe es trotzdem keine Berechtigung, ihn deshalb zu schlagen, sind sich Kleineidam und Reetz einig. Zu 30 Prozent würden die Fahrer allerdings ohne erkennbaren Grund überraschend attackiert, sagte Kleineidam.

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