Gewalt : In Bussen und Bahnen wird es immer brutaler

Die Gewalt bei Übergriffen auf Fahrgäste in Berlins öffentlichen Verkehrsmitteln nimmt zu. Die BVG setzt deshalb vermehrt Videoüberwachung ein. Laut Polizei eine wirksame Maßnahme.

Kerstin Gehkre,Matthias Oloew

Es war am späten Abend des 21. Mai letzten Jahres, als Cornelius Jakhelln zur U-Bahn wollte. Mit vorwurfsvollem Blick, aber schweigend reagierte er auf die Bemerkungen der vier Jugendlichen in Richtung eines älteren Mannes. „Dann hörte ich schnelle Schritte hinter mir“, erinnerte sich der Norweger. Kurz darauf spürte er einen Tritt in den Rücken. „Ich drehte mich um und bekam einen Schlag ins Gesicht.“ Er ging zu Boden. „Einer hatte einen Totschläger dabei, traf mich an der linken Schläfe.“

Was ihm passiert war, schilderte Jakhelln am Montag im Gerichtssaal. Dort läuft ein Prozess gegen die mutmaßlichen Schläger, die den Norweger am Halleschen Tor in Kreuzberg verletzten.

Weil sich Übergriffe wie dieser häufen, hat die BVG die Videoüberwachung ausgeweitet. Sämtliche 170 Bahnhöfe werden von Kameras überwacht, von 1300 Bahn-Wagen sind mittlerweile 392 entsprechend ausgerüstet. Neue Züge werden gleich mit Kamera bestellt. Bei Bussen geht es am schnellsten voran: 636 der 1200 Busse haben Kameras.

„Die Bilder werden von der Polizei immer öfter abgefragt“, sagt BVG-Sprecher Klaus Watzlak. Spektakulär war die Filmsequenz aus dem U-Bahnhof Blissestraße, mit der die Polizei die Täter eines Raubüberfalls ermittelte. Während die Gesamtzahl der Körperverletzungen von Fahrgästen in öffentlichen Verkehrsmitteln in den vergangenen Jahren leicht gestiegen ist – sie bewegt sich bei etwa 4700 Fällen pro Jahr –, hat die Brutalität enorm zugenommen.

So wurden in der Nacht zu Montag zwei 17-Jährige im Bahnhof Jungfernheide bedroht und ausgeraubt. Ein 17-Jähriger musste sein Geld herausgeben, da den drei Angreifern sein Handy zu alt war. Als der andere 17-Jährige den Tätern sein Handy nicht geben wollte, verdrehten die Räuber ihm die Arme, zogen das Telefon aus seiner Tasche und schlugen ihm mehrfach mit einem Schlagring ins Gesicht. Die Täter flüchteten; das Opfer kam ins Krankenhaus

Die Brutalität zeigt auch der Fall, der jetzt in Moabit verhandelt wird. Cornelius Jakhelln trug schwere Blessuren davon, bei der Verleihung eines Literaturpreises in Oslo, drei Tage nach dem Überfall, trug der Schriftsteller Sonnenbrille, um das blaue Auge zu verbergen. Ein Jahr lang hat er den U-Bahnhof gemieden.

Dem Norweger waren bei der Polizei etliche Fotos aus der Kartei vorgelegt worden. Er tippte schließlich auf Serder B., einen 22-Jährigen aus Kreuzberg. Als ihm Szenen vorgespielt wurden, die die Überwachungskamera eingefangen hatte, legte er sich nicht fest. Die Bilder waren verschwommen. Der Angeklagte zuckte beim Anblick der abgespielten Ausschnitte mit der Schulter.

In der Regel können jedoch Dank solcher Aufnahmen mehr Täter als früher überführt werden. Auch gegen Graffiti und Vandalismus zeigt die Überwachung Wirkung. Nach BVG-Angaben werden Fahrzeuge ohne Kamera zweieinhalb Mal häufiger beschmiert oder beschädigt.

Bei dem Prozess erklärte das Opfer, er habe in Todesangst um Hilfe gerufen. Ein Plakatkleber wurde aufmerksam. „Der Mann mischte sich ganz ruhig ein“, beschrieb der Schriftsteller. Die Täter raubten aber noch seine Geldbörse mit 70 Euro und flohen. Der Norweger lebt seit zwei Jahren in Berlin. Der Prozess wird am Mittwoch fortgesetzt.

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