GEWALT IN DER FAMILIE : Manchmal hilft nur eine neue Identität

Innerhalb von 48 Stunden wurden gleich zwei Frauen in Berlin Opfer brutaler Gewalt und lebensgefährlich verletzt. Die mutmaßlichen Täter waren keine Fremden, sondern in einem Fall der Ex-Ehemann, im anderen Fall der getrennt lebende Ehemann. Was die Polizei tun kann, um die Opfer zu schützen.

Sabine Beikler

Gezielt fuhr am Dienstagabend 57-jähriger, aus Pakistan stammende Mann, seine seit drei Jahren von ihm getrennte Ehefrau mit dem Auto an. Die Frau liegt mit schweren Verletzungen im Krankenhaus. Und in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag wurde eine 40-jährige Deutsche im Flur eines Hauses in der Steglitzer Undinestraße von ihrem aus Tunesien stammenden Ex-Mann niedergestochen und lebensgefährlich verletzt. In beiden Fällen lagen Anzeigen wegen häuslicher Gewalt vor. Aber wie hätten sich die Frauen schützen können – vor Taten, die die Männer wegen vermeintlich verletzten Ehrgefühls begehen?

„Es gab in beiden Fällen keinerlei Hinweise darauf, dass die Situation hätte eskalieren können“, sagte Bernhard Schodrowski, Sprecher der Berliner Polizei. In Gefährdungssituationen würde die Polizei „geeignete Schritte“ ergreifen, um die bedrohten Frauen zu schützen: Sie arbeitet mit Beratungsstellen und Frauenhäusern zusammen. „Die Beamten sind geschult und können vor Ort die Situation richtig einschätzen“, sagt die Landesbeauftragte der Berliner Polizei, Susanne Bauer. Ist die Situation gefährlich für die Frauen, weil auch mit einer sogenannten „Wegweisung“ – dem Verbot, sich der Wohnung der Frau zu nähern – die Sicherheit nicht gewährleistet werden kann, bringt die Polizei die Frauen in Kriseneinrichtungen oder Frauenhäuser unter, wo sie geschützt sind – zunächst.

Frauen können auch in ein Zeugenschutzprogramme aufgenommen werden: Dann stehen sie unter polizeilichem Schutz oder ändern ihre Identität. „Die Hürden dafür sind aber sehr hoch“, sagt Susanne Bauer. Offizielle Zahlen darüber gibt es nicht. In einem Fall, den der Tagesspiegel vor drei Jahren dokumentierte, flüchtete eine Frau, der die Zwangsverheiratung drohte, in ein Frauenhaus, wurde dort von Angehörigen entdeckt und mit dem Tode bedroht. Sie kam in ein Zeugenschutzprogramm, wurde in eine andere Stadt gebracht und lebt dort heute mit neuer Identität: Inzwischen ist sie mit einem Mann verheiratet, den sie sich selbst ausgesucht hat. Sie hat auch heute noch keinen Kontakt zu ihrer Familie.

Doch viele Frauen scheuen sich genau aus diesem Grund davor, sich an die Polizei zu wenden: Es sind oft Frauen mit Migrationshintergrund, die sich von der Familie trennen müssten, diesen Schritt aber aus Gründen der wirtschaftlichen Abhängigkeit oder aus Tradition nicht machen. „Die Polizei kann nicht immer helfen“, sagt Andreas Becker vom Verein „Hatun und Can e.V.“, der nach dem Mord an Hatun Sürücü gegründet wurde. Täglich wenden sich drei Frauen an den Verein, der Frauen vor Zwangsverheiratungen rettet. Auch wenn Ermittlungsverfahren gegen mutmaßliche Täter liefen, so Becker, würden die Frauen weiterhin bedroht. „Sie müssen sofort aus der gewohnten Umgebung raus und weit weg untergebracht werden“, sagt Becker. Wenn es um die vermeintliche Familienehre geht, haben Frauen nicht nur einen Feind, sondern oft ihre Familie gegen sich. „Das ist das hohe Gefährdungspotenzial“, sagt Rechtsanwältin Regina Kaltegener. Meistens hilft eben nur eines: die Familie und die Stadt verlassen.

In den beiden jüngsten Fällen in Berlin ermittelt die Mordkommission. Der mutmaßliche Täter aus Tunesien konnte gefasst werden, während der aus Pakistan stammende Mann noch gesucht wird.

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